Sich Alfred 23 Harths Fotostream auf
flickr anzuschauen, ist zum schwindlig werden. Die Namen seiner
künstlerischen Partner würden allein schon ein dickes Telefonbuch füllen. In
seine späte Frankfurter Phase, als er etwa mit Imperial Hot / Hoot oder Uwe
Oberg musizierte und bei Recout und Blue Noises publizierte, fällt auch das
Zusammenspiel mit Peter Kowald. Das führte die beiden 1999 gemeinsam mit Xu
Fengxia sogar nach Moskau, aber zeitigte zuvor diese Studiosession, bei der
Harth sich multiinstrumental voll entfaltete, um Kowalds brummelnde, hummelnde
Bassstriche zu umschwärmen. Dessen Spannweite, von knorrigem Sägen über
federndes Plonken bis zu cellofeinem Wimmern, kommt er mit seinem Vollspektrum
von Kontrabassklarinette über Alt- und Tenorsax bis zu Flöte mit offenen Armen
entgegen. Mit einer dem Klangspektrum entsprechenden Gefühlsskala von
klezmeresker Wehmut bis zu komischen Lauten, die er einer Trompete oder
Maultrommel entlockt oder durch ein bloßes Mundstück furzelt, während Kowald
fiedelt und flirrt, als wäre sein Kontrabass eine der Schwerkraft spottende
Ballerina. Wie Harth da mit Saxophonspaltklängen und -trillern oder gepressten
Trompetenschmierern Luftschlangen in schillernden Farben kalligraphiert, wie er
mit Lockpfeifen Kobolde anlockt und sie mit Pfiffen zu dressieren versucht, wie
er, vom Bass umjault, krimskramst und kinderbelustigend ulkt, lässt sich nur
lächelnd quittieren. Kowald macht mit kehligem Geraune den Schamanen, er macht
den Brummbären, vor dem das Saxophon erschaudert. Seinen Joggergroove umbläst
Harth verboten arabesk, das nächste und übernächste Gerubbel untergräbt er im
urigen Kontrabassregister, wobei er ab und an balzend aufheult. Er bleibt auch
ganz tief unten, wenn Kowald die Saiten mit den Fingern bassig schnarren, wenig
später aber auch wieder spitz schillern und stöhnen lässt. So down und out und
katzenjammerbluesig klingt es aus. Einer wie ich, der gern im Dunkeln lacht,
lächelt da erst recht. [BA 81 rbd]
MAN, OR MONKEY?
Die
vor einem Jahr (BA76) angekündigten Wahlzettel sind eingetroffen, in Gestalt
der 30th Anniversary Cassiber Box (ReR Megacorp, 6 x CD + DVD, ReR CBOX). Eins
ist dabei sicher: Die Wahl ist nicht leichter geworden, nicht in den letzten 12
Monaten, nicht in den vergan- genen 30
Jahren. Welche Wahl? Die zwischen Gelächter und schmerzlicher Scham, um es mit
Nietzsche zu sagen. Als Wahl-O-Mat liegen vor: Die von Christoph Anders, Chris
Cutler, Heiner Goebbels und – bis 1984 – Alfred Harth eingespielten vier Studioalben Man, Or Monkey (1982),
Beauty & The Beast (1984), Perfect Worlds (1986) und A Face We All Know
(1990); als The Way It Was „Live Recordings and Studio Sketches 1985-92“; als
Collaborations die Projekte Duck And Cover und Cassix; und auf Elvis Has Left
The Building Konzertmitschnitte vom 18. Deutschen Jazz Festival, Frankfurt/M.,
Oktober 1982, aus Sao Paulo, Juli 1984, und in der Akademie der Künste der DDR
1989. Für BA war CASSIBER eine der
prägenden
Erfahrungen der 80er Jahre. Die guten Gründe dafür sind hier nachhörbar: Als –
ich wiederhol mich da gern – stupende Mixtur aus Improvisation und Songs, aus
Post- punk-Verve und Art-School-Knowhow. Der von Harth
und Goebbels im Duo seit 1975 schon entwickelte Bach-Eisler/Brecht-Thrill,
verstärkt in zugleich expressiver und neusachlicher Morphologie mit Cutlers
Drumming und dem Krach und den theatralischen Deklamationen von Anders, einem
der grandiosen Nicht-Sänger jener Jahre. Cutlers erregter
Kampf-mit-Windmühlen-Stil, zuletzt durch die Art-Bears-Trilogie forciert, hatte
sich kurz vor der Einspielung des Cassiber-Debuts (August 1982) auf der Tour
mit The Work in Japan noch punkig verschärft. Seine unorthodoxen Army in
banners-Märsche korrespondierten perfekt mit der Mobilmachung des Sogenannten
Linksradikalen Blasorchesters (1976-81), das Harth & Goebbels im Geist von
Charly Haden‘s Liberation Music Orchestra initiiert hatten als egalitäre
Plattform für Sponti-Kreativität, kritisches Denken und das Ghostbusting von
Verblendungszusammenhängen.
Ein weiterer Schleifstein für CASSIBERs Ästhetik war die von punkiger
Simplizität und der Stimme von Anders bestimmte Gruppe, die Harth 1979 mit Uwe
Schmitt (der mit Goebbels in der Jazzrockformation Rauhreif getrommelt hatte)
und Nicole van den Plas (Harths Partnerin in E.M.T.) formiert hatte. Da, in
Harths Projekt Es Herrscht Uhu Im Land (mit Anders, Goebbels, Rolf Riehm,
1980), in den beiden mittlerweile elektrifizierten 1981er Goebbels/Harth-Alben
Bertolt Brecht: Zeit wird knapp (mit Dagmar Krause und dem Schauspieler Ernst
Stötzner) und Der Durchdrungene Mensch / Indianer für Morgen, und in der
Inszenierung der von Goebbels, Harth & Riehm komponierten Abrazzo Oper (mit
dem Schauspieler Peter Franke) 1981 in Recklinghausen fügten sich die Bausteine
für CASSIBER zusammen: Not only Punk & Jazz, but Dada & Free Music,
also New Music & Literature (O-Ton Harth).
Modernistisches
Montageprinzip und postmodernes Crossover setzten L. A. Fiedlers
Parole
„Cross the border - close the gap“ in die Tat um. CASSIBER vereinnahmte Bach,
Brecht, Eisler, Hölderlin, Jandl, Pynchon, Schönberg, Schwitters als
‘Volksvermögen’ zu Django und Trinità. Für ihre ‚Ästhetik des Widerstands‘
taugte griechische Mythologie ebenso wie ‚Sag mir wo die Blumen sind‘ und ‚At
Last I Am Free‘. B. A. Zimmermann, Henry Cow und Sven-Ake Johanssons
freigeistige Dorfmusik kreuzten sich als ‚vom gleichen Stamm‘. Die „Polyphonie
der Mittel“ (Goebbels) und die Power der multiinstrumentalen, sich aus dem Lärm
von Synthesizern, Tapes, E-Gitarre, wildem Gebläse und perkussiver Wühlarbeit
ballenden Performanz machte, unter dem Damoklesschwert der Pershings,
Kolonisation als Fluch, Ausbeutungsverhältnisse als Dauermalaise und
Umweltverschmutzung als Menetekel hörbar. Anders‘ alarmierter, deklamatorischer
Ton, ähnlich dem von Peter Hein bei Mittagspause und dem fast zeitgleichen von
Sea Wanton bei Non Toxique Lost, ging unmittelbar unter die Schädeldecke.
Goebbels musiktheatralisches Oeuvre von Verkommenes Ufer (1984) über Der Mann
im Fahrstuhl (1987) und Römische Hunde (1991) bis Ou bien le débarquement
désastreux (1993) etc. fußt auf diesen Fundamenten und insbesondere den
‚menschlichen‘ Stimmen.
CASSIBER
kämpfte dabei nicht allein, Stormy Six aka Macchina Maccheronica in Italien,
Etron Fou Leloublan in Frankreich, Aksak Maboul in Belgien, Alterations in
England, Skeleton Crew aus New York bildeten ein Rhizom, das über den
R.I.O.-Gedanken hinaus sich in Parallelaktionen verbündete, aber oft genug auch
in konzertierten. Cutler mischte bei Aksak Maboul mit, Harth formierte nach dem
Ausstieg bei Cassiber mit Steve Beresford von Alterations und Ferdinand Richard
von Etron Fou Gestalt Et Jive. Zuvor jedoch vertieften Harth & Co. die 1980
gemachte Bekanntschaft mit Stormy Six 1983 im Portmanteau-Sextett CASSIX
(Cutler, Goebbels, Harth + Franco Fabbri, Umberto Fiori, Pino Martini). Mit den
sieben Stücken, die damals gemeinsam in Montepulciano fabriziert und 1986 auf Re
Records Quarterly Volume 1 No. 3 präsentiert
wurden, bringt Collaborations ein Wiederhören. Fioris Stimme gibt da einen
folkrockigen, bei ‚Tempo Di Pace, Bari‘ durch Harths
einmal
mehr herzensbrecherisches Saxophon auch ganz melancholischen Touch. Wildes
Grillengezirp
hält dagegen, ebenso ‚The Stanislawsky Method‘ als reine Klangkollage mit Stimm-Sample.
‚Copy Machine‘ komprimiert die Stormy-Six-Essenzen auf 1:52, Fabbris Gitarre
und das Pathos des Gesangs erstarren in ihrer Bewegung wie Berninis Apoll und
Daphne. ‚Cripta‘ klingt wie ein Cassiber-Remix.
Mit
DUCK AND COVER hatte Re
Records Quarterly Volume 1 No. 2 schon 1985 ein weiteres Cassiber-Spin-off
verewigt. Diese Supergroup, bestehend aus Cutler, Goebbels, Harth, Fred Frith
& Tom Cora (Skeleton Crew), Dagmar Krause und dem Posaunisten George Lewis,
der Mitte der 80er zwischen Braxton und Zorn ständig auch europäische Avantluft
schnappte, entstand auf Anregung von Burkhard Hennen für das Moers Festival
1983.
Collaborations
rekapituliert ihr am 16.2.1984 beim Festival des politischen Liedes in
Ost-berlin dargebotenes ‚Berlin Programme‘, eine freie Suite aus
Art-Bears-Songs und Indianer für Morgen-Stoff. ‚Kein Kriegsspielzeug für
Jonathan‘ und ‚Dunkle Wolk‘ verraten noch den Kontext des Wettrüstens und des
Widerstands dagegen. Dass Günther Anders (auf den Goebbels Bezug nahm) eine
Effektivität des Protestes einforderte und Pete Seeger bis zuletzt an die
Wirksamkeit engagierter Symboliken glaubte, erscheint gleichermaßen illusionär.
Was nicht heißt, dass es nicht notwendig ist. „Rats and monkeys crowd the city
as it crumbles into ruin“ konnte man 1984 als Prognose für dies und das hören.
Aber „Walls are loosening – true, but gates are blocked“? ‘The Song of
Investment Capital Overseas’ als zynische Globalisierungshymne, ‘Freedom’ als
Neoliberalisierungslektion und Brechts
Emigranten-Blues
‘Und ich werde nicht mehr sehen’ sind inzwischen sogar noch wahrer
geworden.
Wenn, laut Cutler, das Bemühen darin bestand, die Zwickmühle zwischen
Kräften
der Ablenkung (distracting) und der Austrocknung (draining) aufzuzeigen, dann
haben Duck And Cover und Cassiber das geleistet. Und mehr.
Um
das legendäre Jahr 1984 herum verblassen Begriffe wie “Utopie”, am Horizont
tau-
chen
“das Ende der Geschichte” auf und Hyperrealitäten, auch Rhizome… die
alternativen Spontiwärmepole der 70er gehen trotz immanentem Protestgeist und
alledem in den 80ern eher baden, hinterlassen coolere Asche. Field recordings
ziehen in die Musik des Duo Goebbels/Harth mit ein, Hightech & Elektronik
breiten sich aus … Postmodernität & Cyber-world… von Adorno zu Baudrillard
(O-Ton Harth). Harth präsentierte 1985 in Moers seine turntablistische Collage
Anything Goes. Als für ihn mit CASSIBER schon nichts mehr ging, wenn auch nicht
aus musikalischen Gründen. Und ich denke auch nicht, dass ihn die Lyrics von
Cutler störten. ‚Dust and Ashes‘ (auf Perfect Worlds) kaute ja ebenso am neuen
Zeitgeschmack wie ‚Die Reise nach Aschenfeld‘ auf dem letzten
Goebbels-Harth-Studioalbum Frankfurt-Peking (1984). Das wurde mir damals so
auch gesagt, dass ich leider zu spät gekommen sei, Camberwell Now wäre nur ein
Schatten von This Heat, News From Babel nur ein Hauch von Henry Cow, die 80er
nur die Nachglut der späten 70er. Für mich war aber alles neu und ich blieb für
Jahre enthusiasmiert. Auch beim Wiederhören von CASSIBER live Ende 1988. Das
Ende meiner Illusionen (nicht aller) brachten erst die 1990er.
Aber
‚Ach heile mich‘, ‚I Tried to Reach You‘, ‚A Screaming Comes Across The Sky’
und das „Wie ein Stück Vieh!“ aus dem ‚Prisoner Chorus’, behielt das nicht
durchwegs seine Gültigkeit? Gegen den Verrat des Geistes an die neuen Medien,
die neuen Märkte, gegen (aufgeklärten) Zynismus als Coolness und gegen
Affirmation als höchster Form der Dissidenz. Deleuze, deleuzer, am deleuzesten.
Statt oben oder unten, hüben oder drüben, nur noch Das hier. Alternativlos.
„Arriba!“
verhallte ungehört, um „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“ breitete sich Stille
aus. Doch aus der Wüste des Realen tauchten immer wieder Gespenster auf (wobei
Hauntology das Gegenteil von Retro meint): Archetypen wie Hamlets Vater, Medea,
der Ewige Jude. Bei Arbeit, Broken.Heart.Collector, Ground Zero, Das Kapital,
La STPO, Claudio Milano, 7k Oaks, Sleepytime Gorilla Museum, The Ex… fand ich
Meme von CASSIBER wieder. Das ganz Spezifische daran offenbart sich bei Elvis
Has Left The Building. Noch einmal zum besseren Verständnis: We met ... with
the idea to improvise 'completed
pieces'.
In other words, not to 'improvise' in the familiar, abstract, 'Free
Jazz'/Darmstadt' mode, but rather to attempt spontaneously to produce already
structured and arranged material. The double LP Man or Monkey was the result.
And that could very well have been the end of it, except that the LP was so
well received in Germany it led almost immediately to an invitation to perform
at the 1982 Frankfurt Jazz Festival. We considered how to approach this, and
decided in part to invent new pieces in real time, as we had in the studio, and
in part to 'remember' and reproduce some of the pieces from the LP, without
learning or rehearsing them. This became our general approach to concerts for
the next three years, until Alfred left in 1986 (O-Ton Cutler). Dieses
“spontaneously” und “in real time” vermittelt sich sinnfällig in Frankfurt und
bei den folgenden Konzerten als Erregung, wie sie schon Goebbels bei seinem
Cut-up von der Protestfront ‚Berlin Q-Damm 12.4.81‘ inszeniert hatte: „Ich
schieße, ich mach keinen Spaß! Ey, haut mich hier raus!“ Angeheizt wurde das
CASSIBER-Fieber von Beauty/Beast-Man/Monkey-Spannungen. Und von der
Courage,
keine fertigen Stücke vorzuführen, sondern sie ‚from scratch‘ zu skizzieren,
als Torsi, die erst im Kopf ganz Gestalt annehmen. Cutler fährt unter seinem
leuchtenden ‚Heiligenschein‘ wirbelnd fast aus der Haut. Anders hämmert dazu
auf Eisenbrocken und Blech wie die Einstürzenden Neubauten. Bei ‚Our Colorful
Country‘ bläst Harth mit Piccolotrompete zum Angriff, bei ‚Don’t Blame Me‘ mit
Posaune. Die Schärfe der Attacken hebt das Pathos auf in Nervenkitzel, die
durch das Auge als totale Erinnerung zünden. Cutlers unorthodoxer Drive und
Krawall sind so denkwürdig wie Harths ureigene Verschaltung von Feuer und
Feeling. Sein Ausstieg war ähnlich gravierend wie der von David Jackson bei Van
der Graaf Generator. Wobei ja beide Trios hörenswert blieben. CASSIBER
jedenfalls vermittelt(e) mit "delirious frenetic energy" (Donal
McGraith) eine "Dringlichkeit" (Karl Bruckmaier), dass man sofort auf
die Straße stürmen möchte, um sich den Status quo nicht länger bieten zu
lassen. Diese Musik gehört ganz einfach zum Überlebensset wie der Gegenstand, den
man Schleifstein nennt.
Rigobert Dittmann, BA80
Dream On
Ich will nicht schließen, ohne an LINDSAY COOPER (1951-2013) zu erinnern. Sie war und sie bleibt die Anima der bad alchemystischen Alchemie. Ohne den Lockruf von Rags und The Golddiggers hätte ich den Eingang zum No Man's Land womöglich nie gefunden. Sie hat mir eines der ersten Interviews meines Lebens gegeben. Sie war die Ikone für den femininen und, mehr noch, den feministischen Aspekt des Rock in Opposition. Sie hat mir mit ihrer Music for Other Occasions und mit Oh Moscow, mit Sally Potter und als Pedestrian mit David Thomas denkwürdige Konzerterlebnisse geschenkt. Wenn ich Henry Cow höre, denke ich an Lindsay. Western Culture - Lindsay Cooper hat sie verkörpert. 'A Young Lady's Vision' - sie hatte sie. 'Celeste's Dream' (auf The Gold Diggers) hat sie komponiert. Catherine Jauniaux' 'Dream' (auf Fluvial), das war ihr Ton. Sie stand mit Patin, als Bad Alchemy getauft wurde. Wenn ich an News From Babel denke, denke ich an Lindsay. Wenn ich an Mike Westbrook denke, denke ich an Lindsay. Wenn ich an Maarten Altena denke, denke ich an Lindsay. Wenn ich an das Trio Trabant A Roma denke, denke ich an Lindsay. Wenn ich von Sophistication rede, meine ich Lindsay. Wenn ich mir engagierte Musik wünsche, denke ich an Lindsays Statements gegen Ausbeutung (Rags), die kalte Spaltung Europas (Oh Moscow), den Golfkrieg (Sahara Dust). Wenn ich ein Fagott höre, denke ich an Lindsay. Lange dachte ich sogar, dass, wenn etwas so Sperriges und Komisches so cool klingen kann, alles möglich wäre. Sogar eine bessere Welt. Wenn ich heute Silke Eberhard sehe oder höre, Ingrid Laubrock, Susanna Gartmayer oder auch Ava Mendoza, erinnern sie mich an Lindsay Cooper. So ist sie mir unvergesslich gegenwärtig.
Rigobert Dittmann in BA79
Rigobert Dittmann in BA79
ALFRED 23 HARTH As Yves Drew A Line. Estate (Re-Records, RE-CD-008R)
Über die Linie? Welche
Linie? Harths neueste Kreation erreicht mich aus Hongkong als ein ästhetischer
Irrwisch, dessen Sound'n'Shape-Shifting ich jetzt einfach mal unter NOW festhalte.
In der perspektivischen Verlängerung seiner Mother-Of-Pearl-Series gibt diese
Assemblage aus Cut-Ups, Schichtungen und beständigem Morphing, die sich im
Titel zu Pop Art und Konzeptkunst bekennt, einen Eindruck davon, was im Kopf
mit der Nummer 23, der von sechs Dekaden Brainstorming überquillt, haust und
west. Hauptingredienz dieses Daydreamscapes, dieses Streams of Consciousness,
der einen durch das Innere von Tonclustern driften lässt wie durch ein
Harthsches Spiegelkabinett, einen Palast der Winde, wobei das innere Auge durch
Capitaine Nemos Bullauge schweift oder auf ein Gärtchen hinter dem Haus, sind,
neben Piano, geblasene Klänge, von Bassklarinette, Tenorsax, Trompete, aber
auch exotischeren Trötern. 'Universal City. Steps' ist als Einstieg in dieses
autobio- und psychogeografische Dérive eine Rutschbahn, ein Loch ähnlich dem,
in das Alice dem weißen Kaninchen hinterherstürzte. Nur dass man hier durch ein
enges Metallrohr purzelt, wie von einem brobdingnagschen John Butcher geblasen.
Die Klänge sind außer durch extreme Spieltechniken gepresst und angeschrägt
ständig auch durch elektronische Modulation und Vervielfältigung in brodelnder
und zuckender Veränderung begriffen. Als ein rauschender, zischender,
brennender Schilfwald aus Zungen, ein Buch mit raschelnden Seiten, ein
Maschinenraum, ein Strahlen brechender und jede Linearität verzweigender
Ikosaeder, ein verschachtelter perecscher Lebensraum der Phantasie. Alles gibt
es nur gleichzeitig in einem Kopf in einem Ledersessel in einer Laubhütte in
Seoul mit Blick auf den Monsunregen. Jede Erinnerung ein Fenstersturz, ein
rückwärts gespultes Tonband. Spurenelemente von 7k Oaks und des Trompeters Choi
Sun Bae huschen vorüber in Harths Pluriversum, das aber durchaus in einem
ständigen Vorwärts begriffen ist, Schritt für Schritt, über die Linie,
unbeirrbar. Mit, nach zwischendurch immer wieder schon auch melodischen Fetzen,
dem hymnischen Chorus 'Golden Mean. Unswerving' als goldenem Horizont.
[BA 78
rbd]
The Expats (KSE # 233)
Als The Expats (KSE # 233) ist ein Konzert eingefangen, das SAM BENNETT, ALFRED 23 HARTH, CARL STONE & KAZUHISA UCHIHASHI 2010 im Superdeluxe in Tokyo zusammenführte. Mit Gadgets, Diddley & Mouth Bow, Reeds, Kaoss Pad & Dojirak, Computer & Max/MSP bzw. E-Gitarre & Daxophon sowie Samples & Stimmen improvisieren die Vier fern der Heimat einen dicht gewobenen Zauberteppich elektroakustischer Sonic Fiction, der die Imagination über exotistische Horizonte hinaus in weiße Felder der Hirnforschung befördert. Ob dabei mystifizierende Verschleierung oder aufklärendes Transparentmachen die größere oder reizvollere Rolle spielen, wage ich nicht zu entscheiden. Babygebabbel legt eine kindlich spielerische Annäherung an diesen Klangdschungel nahe, der bei aller sinnverwirrenden Undurchdringlichkeit durchaus auch mit harmonischen Ingredienzen inmitten von videospielerischer und freiweg xenophoner Phantastik aufwartet. Die Fülle der dabei doch meist leichten und flüchtigen, wenn auch nicht immer leicht zu identifizierenden Klänge überwältigt, wobei im dritten Anlauf auch saxophonistisches Feuer ins Spiel kommt. Free Jazz ist jedoch allenfalls ein Urahn dieser Seltsamkeiten, die mit surrealen Verformungen, pataphysischer Percussion und vokaler Absurdität letztlich nur von einem Wort halbwegs getroffen werden: 'alien'. File under X. Wobei dieses X auffallend komische Züge trägt, wenn man zu 'komisch' auch kurios, eigenartig, merkwürdig und fantastisch mitdenkt. Der mit 'alien' überschriebene vierte Teil setzt mit Madrigalgesang ein, der perkussive und dröhnende Verwerfungen nach sich zieht, aber auch zartes Saitengeplinke und sanfte Tenorsaxträumerei, der aber schon wieder stachlige Gitarrenloops in die Seite fahren. Aber vielleicht ist das Alles nur die mit Expat-Ohren gehörte Quersumme asiatischer Normalität.
In Bad Alchemy 77 by Rigobert Dittmann
DEAD COUNTRY feat. ALFRED 23 HARTH Gestalt Et Death (Al Maslakh Recordings 15)
Im November 2011 war A23H in Istanbul verabredet. Der Gitarrist Umut Caglar, Synthienoise & Tape Delay und Anarchist Sevket Akinci an der zweiten E-Gitarre, Facebook-Bekanntschaften, hatten ihn eingeladen, mit ihm und ihrer Band zu spielen, Murat Copur am E-Bass und Kerem Öktem an Drums & Percussion. Von Dead Countrys 'Improvised Trash' führt eine ideelle Spur zu Eugene Chadbournes 'Hellington Country' und 'Kultural Terrorism' und eine manifeste in Gestalt einer Kollaboration auf Konnex Records (2010). Keine Ahnung, ob bei der Begegnung mit A23H von vornherein klar war, dass dabei Jazzcore à la Mevlevi meets Burroughs entstehen würde. William S., nicht Edgar Rice. Im Anflug hatte Harth ein Gedicht im Andenken an Friedrich Kittler geschrieben, der Draculas Vermächtnis weitergereicht, und, als Derwisch zwischen Medien und Musen, den "Taumel des Zusammenfalls" gefeiert hatte. In Maslak geriet er in einen Marvel-Comics-Taumel, begegnete X-23, Mercury (verkappt in 'Cessily in Liquid Form ...') und Lady Deathstrike'. Nicht a priori seine Welt, aber eine, in die er sich auf Anhieb mitreißen lässt, wobei er die Logik der Eskalation dieser Sonic Fiction deutlich selbst bestimmte. Der Dhikr hebt an mit rituellem Tamtam und Harthschem Gezüngel in den höchsten Tönen, dem er quäkende Mundstücklaute folgen lässt. Bei 'Fiery Red DC' setzen zu ekstatisch keckerndem Gebläse die Gitarren mit ein, schüren die Glut und überbrücken Harths Atempause, nach der er elektronisch flackernd wiederkehrt. Das synthiebetrillerte '96205 Ararat' wirkt wie die geisterhafte Ruhe vor dem Sturm, dem der 'Lady Deathstrike's Healing Force'-Dub entgegen driftet, durchhallt von kaskadierenden Harthschen Rufen und seinem flatterzüngelnden Spitfire und von erratischen Gitarrenschlägen und zuletzt hohem Jaulfaktor. Die verzerrt computerisierte, perkussiv umkleckerte Stimme, elektronische und gitarristische Schlieren und Harths orientbluesige, zunehmend 'inspirierte' Klarinette schüren die Spannung, die mit jedem Schritt wächst, mit dem man, alarmumjault, vor das Auge des Hurrikans tritt. Nach dem Mond greifen, vom Land erzählen können, wo Milch und Honig fließen. Geht es darum? Bei 'Mr. Burrough's Finger' geht es darum, den Feuerfinger ins Mondauge zu bohren, bei 'Jump Off the Timestream' um den per Noise forcierten Sprung von den Zeitklippen. Als ein psychedelisches Delirium, in dem man ins Vergessen des Vergessens taumelt, wieder mit Harthschen Rufen und zuletzt einem lang gezogenen Schrei.
In Bad Alchemy 76 by Rigobert Dittmann
Cassiber: The Way It Was (ReR CCD5)
A screaming comes across the sky. It has happened before, but there is nothing to compare it to now.
CASSIBER
'A SCREAMING'!!!, ein HEULEN, Christoph Anders' Geheul und die Schreie, der Alarm von Alfred Harths Saxophon und Trompete, schießen mir durch den Kopf, wenn der Name CASSIBER fällt. "I came to the city / I had to eat / Arriba !"... "O cure me / Ach heile mich, du Arzt der Seelen / Ich bin sehr krank und schwach / Man könnte die Gebeine zählen"... Dazu haben wir mitgefiebert, mitgemosht, mitgeseufzt, angestachelt von einer der (neben Skeleton Crew und Debile Menthol...) packendsten Livebands Mitte der 80er. Wenn Anders "In einer Minute" schrie und aufs Blech hämmerte, wenn die Rache tanzte "in a whirl of green; a flirt with Murder - Justice is her tambourine"... Wenn der Emigrantenblues "Und ich werde nicht mehr sehen / Das Land aus dem ich gekommen bin" erklang, und Prome- theus stöhnte "I ache & ache & ache...". Wenn die Sehnsucht ihren eigenen Schatten jagte: "I tried to reach you / Through the mirror / Through the window / Through the past"... Und wenn zuletzt der große Herzensbrecher angestimmt wurde: "At last I am free / I can hardly see in front of me... But who am I fooling / When I know it's not real? I can't hide / All this hurt and pain inside I feel." Letzteres hat dann Heiner Goebbels gesungen, mit Robert Wyatt-Feeling.
Was mich da chronoportiert, ist The Way It Was (ReR CCD5), Vorhut einer großen CASSI- BER-Box mit den 4 Studioalben, DVD und Gesamtdokumentation. Bisher unveröffentlichte Studiosketche & Livemitschnitte (vor allem vom MIMI-Festival 1987) vermitteln, von Bob Drake abgemischt, den ungefähren Verlauf eines typischen Cassiber-Konzerts der Spät- phase - wie bisher nur Live In Tokyo (mit Shinoda Masami, 23.10.1992). Leider war da Alfred 23 Harth nicht mehr dabei, dessen Bläserfächer und Sophistication bei Man Or Monkey, dem Debut von 1982, und Beauty & The Beast, dem Höhepunkt 1984, den spe- ziellen Goebbels-Harth-Touch und den Bach-Eisler/Brecht-Thrill mitbestimmt hatten. Die brisante Mixtur aus Engagement, Improvisation, Songs, Postpunk-Verve und Intelligenz, wurde getragen von der zugleich mitreißenden und widerborstigen, von Montage und Morphing bestimmten Goebbels/Harthschen Musikalität und durchwirbelt von Chris Cut- lers File Under Popular-Drumming, während seine Lyrics denkbar unplump, aber nach- drücklich dazu aufforderten, über die herrschenden Verhältnisse den Stab zu brechen. Zuerst brach aber Cassiber beinahe selber auseinander. Ohne Harth (denkt an Van der Graaf Generator ohne David Jackson) entstanden Perfect Worlds (1986) und A Face We all Know (1990), für das, neben denen von Cutler, auch Zeilen von Thomas Pynchon und Rainald Goetz herangezogen wurden.
Aus Pynchons 'Gravity's Rainbow' stammen die Fetzen, die Anders bei 'Archways', 'A Screaming' (comes across the sky) & 'They have begun to move' schreisingt oder spricht. 'It's Never Quiet' ist ein einziges Kaleidoskop von Splittern, 'Six Rays' (light my way) ein von Gitarre durchschrillter Fetzer. Und dann kommt schon, gepaart aus Elegie, Pathos und Beklemmung, der 'Prisoner Chorus' mit seinem "Wie ein Stück Vieh / Heiliger Gott!" und - aus Schönbergs 'Moses und Aron' - "Oh Wort, du Wort, das mir fehlt". Bei 'Disk Not Re- sponding' wird um ein technisches Malheur herum improvisiert, 'Oh No' macht aus Sex- & Soul-Gestöhne Popcorn, bevor mit 'Gut' (Wenn schon, hätte ich es geahnt, hätte ich die Größe der Gefahr geahnt) AH höchstselbst den Text für Cassibers vielleicht schlagend- sten Ohrwurm liefert. 'Crusoe's Landing' zerrockt Robinsons Inventarliste zu Klassik- samples, Meeresbrandung und Rabenkrächzen für seinen Schiffbruch mit 1 Überleben- den. 'Miracolo' bestaunt die Kluft zwischen Reichen & Armen als absurdes Wunder, um mit 'Our Colourful Culture', lachend und Machete schwingend, die Städte und die Paläste der Reichen zu stürmen. Bei 'In A Room' fällt der Blick aus einer Klause durchs offene Fenster und sieht "HORROR / HEAVEN looking in" - Cutlers 'Weltanschauung' in der Nussschale. Zuletzt schüttelklirrt und hämmert 'Not Me' noch einmal alles Pharisäertum so durch, dass die Scheidelinie klar wird - diesseits der Schmerzgrenze gibt es keine sauberen Hände.
CASSIBER stellte in den Verwerfungen der 80er Jahre die ultimative Frage: Man, or Monkey? Horror / Heaven? Technisch avanciert und durchströmt von einer kritischen Erregung, die sich auffächerte in Parallelaktionen: Harth, Goebbels & Cutler mit Duck and Cover (w/ Krause, Frith, Cora, Lewis) und Cassix (w/ Fabri, Fiori, Martini), Harth mit Gestalt Et Jive, Vladimir Estragon und Lindsay Cooper, Anders mit State Of War, Cutler mit News From Babel, David Thomas und Les 4 Guitaristes De L'Apocalypso-Bar, Goeb- bels mit Heiner Müller, dessen mythopoetische Lakonie und Kryptik auffallend mit der von Cutler übereinstimmten. Beide waren entzündet vom offenbar desaströsen Telos der prometheischen Flamme. Die Flüsse zu vergiftet, um damit Augiasställe zu reinigen, die Blumen der Utopie verwelkt, der national braune wie der stalinistisch blutige So- zialismus untot und zombifiziert, die kolonialen Früchte sauer und bitter geworden. Die Touristenströme teilten mit den gegenläufigen Migrantenströmen nichts, außer Illusio- nen von einem besseren Leben. Der Fall der Mauer brachte nicht die Lösung, und auch nicht das Ende des Dritten Rom in Gewimmer, es schürte nur die Illusionen. Und schon war auch wieder ein Heulen über Bagdad zu hören. Als 'Philosophy' blieben (auf A
Face We All Know) nur sprachlose Kürzel. Cutler drehte das Projekt Zivilisation noch einmal auf Anfang - ein schiffbrüchiger Adam und etwas Strandgut ('Crusoe's Lan- ding'). Und sah doch auf Domestic Stories (1992, mit Lutz Glandien als anderem Goeb- bels und wieder A23H, Krause & Frith) im Grau in Grau der Posthistoire Minervas Eule fliegen. Nach innen gerichtete gerichtsmedizinische Spurensuche und Ursachenfor- schung war nun angesagter als Hebammenkunst.
Cassibers fiebernd hämmernde Dringlichkeit, die gleich ihre allerersten Takte so mit- reißend gemacht hatte, blieb derweil ungebrochen, als ein Insichwiderspruch aus Er- wartung und Enttäuschung, der sich als euphorisierter Apocalypso Luft machte. Als ob es für die Wenn-nicht-Dann-Entscheidung zwar höchste Zeit wäre ('Time Running Out' beschleunigte 1984 auf 45 rpm), aber eben nie zu spät. Es gab da immer auch noch ein Gelächter, und eine musikalische Vitalität, die nach dem Mond mit den Zähnen schnappte und dabei jeder Endgültigkeit und jeder Eindeutigkeit spottete. Denn Vorsicht - das Titelstück des Debuts ist ein aufgekratztes Goin' Ape. 'Primitive' Percussion und Gitar- rennoise kollidierten mit avancierter Samplingtechnik, improvisatorisch verspielte Of- fenheit und multiinstrumentales Anything-goes wechselten mit schlagkräftigen Texten und einem unbändigen Über-Stock & Stein-Drive, der Bullshit, Brainwashing und be- triebsblinder Affirmation Paroli bot. Gut genug, dass mir heute noch das Herz höher schlägt. Arriba! HaHaHaHa! Arriba!!
In Bad Alchemy 76 by Rigobert Dittmann
In Bad Alchemy 76 by Rigobert Dittmann
SVEN-ÅKE JOHANSSON
Kann man jemanden einen alten Schweden nennen, der nächstes Jahr erst 70 wird und der sich, vor Kurzem erst wieder mit Der Kreis des Gegenstandes im jungen Verbund mit Dörner & Dafeldecker, jedesmal als Hutmacher zeigt, dessen Modelle zeitlos gut zu Gesicht stehen? Johanssens Vergangenheit kam in BA auch schon zur Sprache, anlässlich von etwa Die Harke und der Spaten (BA 73) und mehr noch von 1974-2004 (BA 72), der Retrospektive seiner Partnerschaft mit dem Pianisten Per Henrik Wallin (beides auf Um- laut). Early Works (SÅJ, 4 x CD in Kartonbox) geht jetzt wirklich auf Anfang, wenn man von den bahnbrechenden For Adolphe Sax und Machine Gun absieht, wo der erst 21-jährige SÅJ allerdings noch im Schatten von Peter Brötzmann stand.
Field Recordings 1969/70 (SÅJ-CD 25), um die Box chronologisch aufzufächern, fängt eine nächtliche Straßenbahnfahrt in Göteborg ein, eine Führung durch das VW-Werk in Wolfsburg und einen Gang die Treppe hinab und aus dem Haus in Mariental (bei Helmstedt), um, von sämtlichen Hunden angebellt, Milch zu holen (aufgenommen, um sich das in 50 Jahren mal anzuhören und sich zu erinnern). Daneben gibt es eine 'Music in the Air', freakisch-hippieskes Gedaddel unter freiem Himmel in Sonnenberg (Harz), mit pastoralem Geflöte, tagträumerischen Basstrichen und jungsteinzeitlicher Percussion. Neben ringsum offenen Ohren wird da ein, im Dunstkreis von Beuys und Nam June Paik geschärftes Be- wusstsein dafür deutlich, dass die Welt Klang ist und Empfänglichkeit ebenso relevant wie Kreativität, mit der Konsequenz, Musik zu entdefinieren.
Die Mariental Tapes (SÅJ-CD 23) entstanden 1970 im Kloster Mariental. SÅJ hatte da Anschluss an die Kreuzberger Zodiak-Szene gefunden. Der sechs Jahre ältere, Beuys-angefixte Conrad Schnitzler, einer der Club-Begründer, der mit Electronic Meditation gerade den Grundstein eines eigenen Kults legte, spielte Synthesizer, Norbert Eisbrenner, Mitinitiator der musikalischen Zodiak-Killer Human Being, traktierte eine E-Gitarre im Table-guitar-Stil und entlockte ihr kaskadierende Wellen. SÅJ förderte die Anarchie mit Donnerblechen und hagelte zärtlich aufs Blech. Eisbrenner gehörte da auch schon zu MND, sprich Moderne Nordeuropäische Dorfmusik, mit dem Bassisten Werner Götz und später dem Cellisten Peter Dyck als drittem Mann. Ein Jahr, bevor Faust in Wümme ihr 'Medow Meal' zubereiteten, wurde in Mariental ein Kurzschluss mit Outer Space geprobt, der sich über die in der Nähe rauschende Autobahn schnell in die Metropolen befördern ließ. 'Dorf' meint einfach nur 'Das Weltall ist ein...'.
Wie modern SÅJ & Co. dachten und assoziierten, das verraten die sechs Namen, die für MND at Moderna Museet Stockholm 1972 (SÅJ-CD 19) als Hutständer dienten. Bei 'Calder' trommelt SÅJ im kinetisch kaskadierenden Duktus von Eisbrenner, der hier helldunkle Zacken darüber rifft, während Dycks Cello die Säge mal tief, mal hoch ansetzt. Ich fresse einen Hut, wenn da Blindfoldgetestete auch nur annähernd auf 1972 kommen. Pizzicato pflückt Eisbrenner hohe und höchste Töne, die Dyck noch poliert, SÅJ rumpelt, als müsste er mit allem was er hat die Löcher eines rundum porösen Universums stopfen. 'Rosenquist' wirkt danach ganz transparent wie nur aus Strings (und ein bisschen Piano) gewirkt, 'St. Phalle' zugleich schmerzerfüllt und rebellisch. 'Tinguely' wird nur auf einem Blechdeckel geklopft und von einer Oboe gequäkt, während eine Slideguitar wimmert. 'Fahlström' ist ein SÅJ-Solo, 'Rauschenberg' ein durchscheinendes Pianissimo, das sich erst spät in Wallung sägt und klopft. Kinetik, New Realism und Pop Art, die Blinde sehend machen.
Mein Highlight ist jedoch E. M. T. in der 'Fabrik' Hamburg (SÅJ-CD 24), SÅJ 1973 im Trio mit Alfred Harth & Nicole van den Plas (BA 62). Die unkonventionelle Pianistin bietet seinem agilen Füllhorndrumming effektvoll Paroli und Harth bläst dazu Töne, als wäre er damals schon Koreaner gewesen. Er erfüllt das ankurbelnde Riffing seiner Partner mit einem Feeling, das selbst in dieser suboptimalen Aufnahme noch Gänsehaut macht. E. stand in Hamburg definitiv für Energie und Ekstase. Van den Plas wühlt in tiefen und tiriliert auf freiweg verstimmten Registern, Harth röhrt und singt so schmerzhaft wie glorreich, den Mund voller Rosen und Feuer. Sogar eine Seite aus Dollar Brands Sketchbook wird verbrannt, in eine Lure gepustet und eine Triangel gerührt. Comic relieve, souverän an den Hut gesteckt. Early Years, erstaunliche Jahre eines erstaunlichen Mannes.
In Bad Alchemy 75 by Rigobert Dittmann
Gift Fig (Kendra Steiner Editions, KSE #207, CDr)
Gift Fig (KSE #207, CDr) präsentiert
elektroakustische Verstrickungen von CARL STONE & ALFRED 23 HARTH, teils
live im Mousonturm in Frankfurt beim Festival ROT 2009, teils live im
Superdeluxe in Tokyo 2010. Harth blies Reeds con arco et kaoss pad und das koreanische Taepyeongso und
setzte neben allen extended techniques noch Stimme und Samples ein. Stone
fütterte damit in Echtzeit Max/ MSP-Prozesse und schichtete Eigenes hinzu.
Harth- & Software interagieren zunehmend ununterscheidbar zu maximal windschiefen
Gebilden aus abgerissenen Beats, kakophonem Gebläse und Stimmfetzen. Die beiden
Senioren hätten schon nach 5 Minuten mehr Grund, sich The Mighty Grin zu
nennen, als irgendwelche halbgaren Berliner Würstchen. Harth faucht spuckige
Mouthpercussion, Stone loopt und schlürft hintergründige Akzente, kratzt am
Lack von Elektronikaffen, dreht Vocalsamples rückwärts. Ein wild gewordener
Muezzin attackiert Mainhattan, dunkles Piano und Taepyeongsogetröte
beschwichtigen. Jetzt klappert, knarzt und entenquakt es auf der
Evolutionsspirale abwärts. Harth scattet spuckig, die Rappelkiste kommt nicht
zur Ruhe, im Gegenteil, die Stimmung wird noch übermütiger. Der kakophone,
geräuschverliebte Überdruck spritzt, klimpert und kleckert bei jeder Umdrehung
aus den Ventilen und Klangspeichern. Ohne Sinn für Komik ist das pures Gift,
vor allem, wenn das Ganze in schräge asiatische Turbulenzen eskaliert. Harths
alte Neigung zum Hyperrealismus feiert Urstände.
[In Bad Alchemy 74 by Rigobert Dittmann (rbd)]
[In Bad Alchemy 74 by Rigobert Dittmann (rbd)]
SEON AVALANCHE - SEOUL SOUL
ALFRED 23 HARTH sagt als halber Koreaner Seon (wo Japaner Zen sagen). Dass sein Streben nach Seelenfrieden und Erleuchtung irdischer Verwerfungen, Eruptionen und Lawinen gewärtig ist, zeigte beispielhaft sein Auftritt mit 7k OAKS beim Open Circuit-Interact Festival im belgischen Hasselt 2008. Als Entelechy (Die Schachtel, DSZEIT 13) ist überliefert, mit was Harth, Luca Venitucci an Keyboards, Massimo Pupillo am E-Bass und Fabrizio Spera an den Drums damals das Publikum konfrontierte. Treffender als mit dem oxymoronen 'Seon Avalanche' hätten die anfänglichen 17 Min. kaum getauft werden können. Grummelnd und knurrend löst sich im kollektiven, von Pupillo mit rauem Splatterbassgelärme geschürten Furor eine Klanglawine mit perkussivem Blitz und Donner und keyboardistischem Eifer, als würde Venitucci neben den Fingern auch noch mit den Ellbogen und der Stirn auf die Tasten einhämmern. Und Harth gießt Öl ins Feuer mit erhabenen Tenorstößen, die sich zuspitzen zu unvermutet himmelschreiender Intensität. Dann lässt er Raum für die Keyboards, den von kakophonen Effekten umrauschten reibeisernen Bass und das Drumming, sich aufzufächern. Um wieder einzusteigen mit einer weiteren gutturalen, immer unwiderstehlicheren Tenorattacke, die mit Feuereifer auf Gipfel des süßen Wahnsinns, in die Erleuchtung, die Auferstehung jagt. Aber ohne präzise Katharsis deeskaliert das Quartett zu 'Soziale Plastik' und verweist damit, wie schon mit dem Bandnamen, auf Joseph Beuys. Mit Bassklarinettengemurmel und tachistischen Geräuschflocken nimmt sich die Band zurück und gibt dem Beuysschen Ideal Raum, jetzt im mit allen geteilten Wachsein gemeinsam zu atmen. Pupillo kratzt und splittert noisige Späne. Keyboards und Electronics dröhnen und schimmern, jetzt schon, wieder ohne Schnitt, bei 'Labor Anti-Brouillard'. Benebeln ist nicht das Ziel. Im Gegenteil. Spera klopft mit Muscheln, der Bass brummt, Harth schnaubt mit Pocket Trompete, Venitucci stakst fingerspitz. Ein Speragroove treibt und stützt einen Harthschen Halteton und die erneut anschwellende Intensität. Bis Harth auf dem Tenor eine hier und so nicht erwartete, erst nur ganz fragile Version von 'At Last I Am Free' anstimmt und mit dem Herzen auf der Zunge zartbitterste Gefühle weckt, die 7k Oaks dann mehr und mehr wie ganze Eichenwälder aufrauschen lässt. Dabei sind Zeilen wie I can hardly see in front of me und But who am I fooling When I know it's not real? I can't hide All this hurt and pain inside I feel mit ihrer vergifteten Freiheit nicht weniger oxymoron als der Auftakt. Einsichten, die einen wie Lawinen unter sich begraben. [ba 71 rbd]
In BA 71 by Rigobert Dittmann
* Number 1 of BA's Favourites 2011
In BA 71 by Rigobert Dittmann
* Number 1 of BA's Favourites 2011
RED CANOPY (Kendra Steiner Editions, KSE #200, 3" CDr)
Dieses Kleinod hat seinen Namen von der roten Markise an Alfred 23 Harths Laubhuettestudiofenster in Seoul. Dahinter entstanden 7 kleine Stücke, in kreativer Spielerei mit Material, das schon 2005 im Hinblick auf den Mother-of-Perl-Release NUN aufgenommen worden war. Aus Spuren des Pianos von Soojung Kae und des Kontrabasses von Chang U Choi, dazu eigenen Reedklängen und einigen weiteren Zutaten, komponierte der große Laubhuettenfrosch Wunderkammerjazz oder, einfacher gesagt, Harthmusik. Für ihn sind es persönliche Notizen "über Leben & Leid", wie er es mir gegenüber nannte, Reminiszensen an eine Zeit, in der sich im Schatten der Erinnerung Erquickliches mit Unbehaglichem mischt. Für unsereins sind es Klanggedichte. Er bettet seinen klangvollen, hitzigen, bei '8th day' sogar im Chor aufflackernden Bassklarinetten- oder Tenorsaxophonton auf sonores Pizzikato und träumerische Pianonoten, teils auch auf düstere Clusterschläge oder seltsam verbogenen Innenklavierklang. In das tiefmelancholische Tête-à-tête von 'Shining' greift er erst spät ein mit der ganzen Jämmerlichkeit, die er aus einem Taepyeongso, einer koreanischen Oboe, quetschen kann. Bei '13th month' legen sich dissonante Gitarrenlaute und kantige Pianonoten gegen das Tenorsax quer. Den Katzenjammer von 'Un soir at Yeonhee II' kann ich erst allmählich als schrille Basskakophonie erkennen, bevor sie Choi mit sonoren Strichen verwischt. Die Stückchen sind innen größer als außen. Die enigmatische Verwandlung von Bewegung und Farbe in Gedanken und Gefühle gelingt Harth, als wäre das Studio kein bloßes Instrument, sondern ein Alchemistenofen.
In BA 71 by Rigobert Dittmann
In BA 71 by Rigobert Dittmann
ALFRED 23 HARTH micro-saxo-phone. edition III (Kendra Steiner Editions, KSE #175, CD-R)
Genau zwischen dem starken Eindruck, den Jeremiah Cymerman mit Klarinette & Laptop live hinterließ und ‚Frankfurt - Beijing - Seoul‘, Harry Lachners NOWJazz-Porträt von A23H, erreicht mich, via San Antonio, TX, ein neues EAI-Statement aus dessen koreanischer Laubhütte. Mit Saxophonen & Bassklarinette + Contact Mics + Kaoss Pad/Laptop-Wizardry + X spielt Harth seine unpuristischen Versionen von ‚bodhi & seoul‘ - ohne Twist of words & mind geht bei ihm nichts. Von gefühlsecht bis cybertechnoid verlängert er damit seine bereits mit Plan Eden (1987) initiierten und mit msp.eII (2008) durchlauferhitzten Demonstrationen, was Materialfortschrittlichkeit bedeuten sollte. Mit auch wieder autobiographischer Emphase unterlegt er einige der massiv verdichteten und anspielungsreich gesättigten Multitracking-Tracks mit der eigenen Tonband- oder Altosaxstimme von 1972, seinem 23. Lebensjahr. X steht für Stimme, Flöte oder Gitarre. Und für eXtended techniques. Anspielungen evozieren Rimbaud, Orwell, den MaschinenintelligenzproGnostiker Ray Kurzweil, den bewusstseinserweiternden Terrence McKenna, setzen also die Sonic-Fiction-Segel für eine trunkene, phantastische Reise in die Zukunft des Homos@piens. ‚Doublespeak‘, der extraordinärste Track, mixt hyperbabylonisch und mit veräppelndem Witz D.T. Suzukis Einhandklatschen mit der Eidechsen mausenden Katze des aufgeblasenen Fotokünstlers Nobuyoshi Araki, Opernarien mit koreanischem Gagok, Geflöte mit Madame Blavatsky beim Bauchtanz. ‚Surplussed I-IV‘ mikrowellenerhitzt Altosound in der eigenen Spucke auf immer höheren Hitzestufen. Aber Harths Tenorsax kann danach pur nicht weniger harth klingen. Dass sein Ton & Timbre zu den herzhaftesten, aber auch reflektiertesten unserer Zeit gehören, ist leider etwas in Vergessenheit geraten. Allerdings versteckt er sie gern unter Noise und irritiert mit V-Effekten, etwa losem Maulwerk oder Houyhnhnm-Gesang. ‚Chukyo‘ und ‚Paleomagnetic anomalities‘ durchsetzen Bassklarinettenursonaten oder Mikrogeschmurgel und -gezülle mit klappenmechanischem Gerumpel oder ‚Orgel‘-Clustern. Jedes der 23 hoch 23 Härchen ist hier bis zur Wurzel vollgesaugt mit quecksilbriger Postmodernität und quickem, bewusstseinserheiterndem Witz. Telekom and Getz IT, es gibt nur 123 Exemplare.
In BA 69, Rigobert Dittmann
In BA 69, Rigobert Dittmann
LAUBHUETTE PRODUCTION (Seoul)
Was ist das, @ blankies end (M 28)? Nun, definitiv keine Pfeife. Aber ansonsten hat ALFRED 23 HARTH so Einiges eingemischt in diese Collage, in der eine seltsame Uhr die ‚Nuller‘ Jahre zuende tickt: ‚Ten Tin‘... ‚Elf‘... ‚Gesternmorgen‘ (zuerst las ich Geistermorgen)... ‚Popul Vuh‘... ‚Twentyhundredtwelve‘... Da kommt die Trompete von Choi Sun Bae ins Spiel, alles andere, die schöne Klarinette, die aufgewühlten Samples sind Herz- und Hirnton Harth. Seine Antennen fischen in musikalischen und medialen Wassern, im halb- und sehr bewussten Trüben, Drüben. Berauscht, überrauscht, traumartig quellend, erklingt ein elektrifiziertes Memento, ein mehrstimmiger Chor melancholischer Bassklarinetten. Aber an den Fersen hecheln Hunde, an den Nerven zerren schrille, kakophone Kräfte. Der Puls ist der von ‚Organischen Konstruktionen‘, wie Ernst Jünger den 21st Century Schizoid Man schon im frühen 20. getauft hat. Windspielgeflirr und Vokalisation driften dahin wie eine sich in Raum und Zeit entfernende Hälfte. Die andere treibt Wurzeln in der Stadt, tastet mit Tentakelsensoren über Screens. Als Folklore Imaginaire? Wenn das ein Name für eine schöne Chimäre ist, warum nicht. Die Trompete mischt sich, wiederum vervielfacht, unter Tonspuren, die die lineare Zeit krümmen, manchmal sogar umkehren. Ist hinten da, wo die Laterne hängt? Hängt der Himmel voller Klarinetten und mittendrin ein Baritonsaxophon? Ist das Illbient made in Seoul? Im Kopf Sonic Fiction, doch in der Brust kreist ein altes Raunen, Gesang aus dem Buch Dzyan, wie ihn Madame Blavatsky in Würzburg im Ohr hatte? Zuletzt, wenn auch kurz, ist es Sombient, denn ‚Der Schlaf ist eine süße Melodie‘, die einen giftig und koreanisch ersticht.
Mit @ eighties end (M 31) geht ALFRED 23 HARTH zurück ins Jahr 1989. Auszüge seiner Theatermusik zu Antigone von Sophokles/Hölderlin für eine Aufführung am Schauspielhaus Düsseldorf sind gemischt mit Lachen, Weinen, Lieben, einer TV-Musik fürs ZDF. Stilistisch kompatibel, ergibt sich ein Ganzes, das in seinem Pathos und Thrill, dem Kladderadatsch von Orchester-Samples, Noise, Dark Ambient und Instumentalmusik, vieles in den Schatten stellt, was genuine Vertreter der Sound Culture, ob im Industrial oder der Elektroakustik, anstrebten. In Soundwolken, dunkel und largo, stoßen eine Bassklarinette, eine Orgel, schneiden Klarinettenmelodien. ‚Antigone.Nacht‘ ist ein finsteres Prachtstück, zuerst ein Säbeltanz auf dem Vulkan, dann nur ein Gedröhn, schließlich die anhaltende Erruption. ‚LWL III‘ lässt Flöten und grollende Kontrabassklarinetten in Zeitlupe sich umtanzen wie Fische einen großen Wal. Groß wie Behemoth ist auch der Gesang, den Harth auf seinen Klarinetten anstimmt. Bei ‚Antigone.Ölfässer‘ rumoren perkussives Gedonner, Gepolter, Shakergerassel und verzerrte Stimmen, die vom Menschlichen ins Tierische und Schaurige changieren, umeinander. Für ‚LWL IV‘ wirken Zweifingerkeyboards, Aaa- & Ooo-Vokalisation und wieder die schneidende, zartbittere Klarinette zusammen, die klingt, als müsste sie eine offene Wunde vereisen. Auf ‚11+12‘, einem kurzen Clash aus Noise und holzigen Schlägen, folgt zuletzt ‚LWL V‘, langsam und düster. Über dürftige Drummachinebeats stoßen Orgelfanfaren und wuchtig rummsende und rumorende Einschläge ineinander und brechen den Stab über ein zwischen Tragödie (Tschernobyl, Tian’anmen) und Farce (Reaganomics, Thatcherismus, Mauerfall) taumelndes Jahrzehnt.
Rigobert Dittmann, BAD ALCHEMY 66
Mit @ eighties end (M 31) geht ALFRED 23 HARTH zurück ins Jahr 1989. Auszüge seiner Theatermusik zu Antigone von Sophokles/Hölderlin für eine Aufführung am Schauspielhaus Düsseldorf sind gemischt mit Lachen, Weinen, Lieben, einer TV-Musik fürs ZDF. Stilistisch kompatibel, ergibt sich ein Ganzes, das in seinem Pathos und Thrill, dem Kladderadatsch von Orchester-Samples, Noise, Dark Ambient und Instumentalmusik, vieles in den Schatten stellt, was genuine Vertreter der Sound Culture, ob im Industrial oder der Elektroakustik, anstrebten. In Soundwolken, dunkel und largo, stoßen eine Bassklarinette, eine Orgel, schneiden Klarinettenmelodien. ‚Antigone.Nacht‘ ist ein finsteres Prachtstück, zuerst ein Säbeltanz auf dem Vulkan, dann nur ein Gedröhn, schließlich die anhaltende Erruption. ‚LWL III‘ lässt Flöten und grollende Kontrabassklarinetten in Zeitlupe sich umtanzen wie Fische einen großen Wal. Groß wie Behemoth ist auch der Gesang, den Harth auf seinen Klarinetten anstimmt. Bei ‚Antigone.Ölfässer‘ rumoren perkussives Gedonner, Gepolter, Shakergerassel und verzerrte Stimmen, die vom Menschlichen ins Tierische und Schaurige changieren, umeinander. Für ‚LWL IV‘ wirken Zweifingerkeyboards, Aaa- & Ooo-Vokalisation und wieder die schneidende, zartbittere Klarinette zusammen, die klingt, als müsste sie eine offene Wunde vereisen. Auf ‚11+12‘, einem kurzen Clash aus Noise und holzigen Schlägen, folgt zuletzt ‚LWL V‘, langsam und düster. Über dürftige Drummachinebeats stoßen Orgelfanfaren und wuchtig rummsende und rumorende Einschläge ineinander und brechen den Stab über ein zwischen Tragödie (Tschernobyl, Tian’anmen) und Farce (Reaganomics, Thatcherismus, Mauerfall) taumelndes Jahrzehnt.
Rigobert Dittmann, BAD ALCHEMY 66
Summer, a time (Laubhuette Production LPM22)
Summer, a time (LP M22, CD-R)‚ recorded at Voice Of Asia Festival, Jeonju, Southkorea, 2004‘, zeigt das Miteinander und die Reibungsflächen west-östlicher Stegreifmusik in drei Konstellationen. Den Auftakt machen Mukai Chie (Kogun) & Kang Eun-Il (Haegum = kr. Fiedel) in der Begegnung mit den alten Uludag-Kämpen Helmut Bieler-Wendt (Piano) & Peter Hollinger (Drums), mit Alfred 23 Harth am Altosax als Go-Between. In einer längeren ‚Suite‘ zeigt er sich dann als Lyriker und als Joker in einem fernöstlichen Kreis mit Park Chang Soo (Piano), Choi Sun Bae (electric trumpet) & Xu Fengxia (Guzheng & Gesang), mit Xu als Prima Donna inter pares, was das Temperament angeht. Da fliegen die gehämmerten, geharkten, gekirrten Töne einem entgegen wie Kamikaze-Ufos, völlig außer Rand und Band. Gershwins ‚Summertime‘ klingt danach - von Choi durchfaucht und durchfurzelt, als hätte er Kondo & Evans als einen Bissen verschluckt - wie vom Hitzschlag getroffen und ziemlich... koreanisch? Den ‚Epilogue‘ bestreiten Choi, Kang, Xu, Bieler-Wendt mit Mike Turnbull an Percussion, gefolgt von einem kurzen, kontrastreichen Choi-Solo. Die Stimme Asiens? Mir klingeln die Ohren.
In BA 63, Rigobert Dittmann
In BA 63, Rigobert Dittmann
Raub / Yaktal (Laubhuette Production LPM23)
Ein weiteres Festival-Highlight hält Raub / Yaktal (LP M23, CD-R) fest, das Quartett von Alfred 23 Harth (DJing, synth, reeds, voice, misc., Dochirak con arco) mit Choi Sun Bae (electric trumpet, mouthharp), Helmut Bieler-Wendt (violin, piano) & Kojima Takashi (laptop). Die Musik hallt - wie auch T_error & kr ./. jp (2005) - wider von Harths Empörung über den brutalen Raubbau Japans an Korea. Anders als die Improvisationen auf Summer, a time ist sie ein wildes Klangchiaroscuro aus gestopft schmauchender Trompete, geschabten Geigenstrichen, insbesondere aber aus Harths Turntable-Samples & - Loops und den Laptopgranulationen. Wasser umbrodelt einen schleifenden Loop, Geflüster ist perkussiv umklappert, die Trompete schwebt über einem Groove-Drehwurm. Ich beginne zu begreifen, was Harth an Taste Tribes fasziniert. Ferner Operngesang, Getrommel, Geigengeraspel, raues Schnauben, Krimskrams, Scherbengeklirr. Jetzt wieder Electrobeatz, ein knurschiger Groove, dunkles Gebläse dazu, prasselnde Vinylknackser als Knochenmühle, die Trompete ganz verweht, ein Saxophon, gepresst und zerhackt. Dann plötzlich peitschende Beats, zerschrillte Trompete, Alarmimpulse, Scratches, Geigengewimmer, Aufstand! Das ist Improlectro, der als Mindfuck seinesgleichen sucht.
In BA 63, Rigobert Dittmann
In BA 63, Rigobert Dittmann
LAUB (Laubhuette Production LPM16)
Mit LAUB (LP M16, CD-R) setzt ALFRED 23 HARTH seine elektroakustischen, radiophonen Collagen über das Audiotop Korea fort. Ich nenne das einfach mal ‚Verdichtungen‘, Zwitter aus Poesie und Schichtung, Pressung. Tatsächlich ist ein Liebesgedicht eingemischt in das Roaratorio aus Straßenlärm, Gesängen, Gekläff einer Hundefarm. Melancholisches Gezupfe, das sich gegen den Zeitlauf sträubt, und ein schwindelerregend hoher Strington illustrieren einen Zustand der ‚Nonunhappiness‘, das ich mir als wunschloses Unglück besser vorstellen kann denn als stoisches Gleichgewicht. Jazzsaxophon mischt sich mit Bahnhofsatmosphäre, ein Basslauf wird überrauscht, überquäkt, und aus einem ‚Domestic Stories Remix‘ sticht die Stimme von Dagmar Krause heraus. Die hohen Strings mischen sich mit brodeligem Gewummer oder krümpeliger Klarinette, Spielautomatengeballer und ein schleifender Loop mit Yun Isangs ‚Piri‘-Klarinette, Wind, Stimmengewirr, elektronischem Gejaule, geisterhaft fernem Gesang, Kampfgeschrei aus einem Eastern. Nichts ist exklusiv in diesem urban-medialen Mix, der in einem Dreamscape ausläuft, den, inmitten aller Unklarheit mit ihrem unruhigen Eigenleben, Klarinettentristesse umflort, wie mit schwarzen Lippen geblasen. Harth hat weit offene Tagtraumaugen und Ohren für absurde und ästhetizistische Züge des Trivialen. Der Alltag selbst ist ein Wildstyle-DJ. LAUB macht das nur deutlich.
In BA 63, Rigobert Dittmann
In BA 63, Rigobert Dittmann
ALFRED HARTHs LAUBHUETTE PRODUCTIONS (Seoul)
In BA 60 wurden schon einige der Aktivitäten von A23H, dem einstigen Cassiber-, Gestalt Et Jive- und Vladimir Estragon-Allrounder, in Erinnerung gerufen - vom Trio Trabant und dem Quasarquartet über Imperial Hoot bis zum Trio Viriditas, zu 7k Oaks, Otomo Yoshihides Invisible Songs und seinen Post-9/11-Aktivitäten im eigenen LaubhuetteStudio in der neuen Heimat Seoul. Dort hat er nun zwei weitere Kapitel seines unendlichen Lebenswerkes aufgeschlagen, nämlich Retrospektiven auf JUST MUSIC und auf E.M.T.
JUST MUSIC wurde 1967 von Harth, damals gerade mal ein fürwitziger Teenager, am Centrum Freier Cunst in Frankfurt/M. initiiert, als Forum und Motor kollektiver und synästhetischer Verwirbelungen avancierter Klänge, Imaginationen und Text-Viren. Zeitgeist pur. Erstaunlich vieles davon ist archiviert und wird von Harth nun in die Frankfurter Gedächtnislücken der Wuppertal/Berlin-fixierten Jazzgeschichtsschreibung reimplantiert. Just Music ensembles (LP M11) päsentiert Aufnahmen von 1968-70 aus Ffm, Stuttgart und Prag, Just Music trios (LP M18) Improvisationen im Frankfurter Fuchshohl Studio vom März 1970 (ohne Harth). Just Music groups & duos (LP M19) enthält neben einem Ausschnitt der HR-Sendung ‚Junge Talente Stellen Sich Vor‘ von 1968 (mit einem 18-jährigen Schüler AH, der brav Fragen des Radioonkels beantwortet) eine Reihe von 1971er Abenteuern, die im Zusammenspiel mit Nicole Van den Plas schon den Übergang zu E.M.T. bedeuten. Dazu gleich. Als Just Music-Aktivisten hört man den starken Thomas Cremer am Schlagzeug (bis heute ein Veteran der Jazzszene in Mainhattan), Dieter Herrmann an der Posaune, Johannes Krämer an der Gitarre (später oft bei Annemarie Roelofs zu hören und heute mit All Clear), Peter Stock am Kontrabass, Thomas Stöwsand (bald rechte Hand von Manfred Eicher bei ECM) und Franz Volhard an Cellos und andere, allesamt wild entschlossene Grenzgänger zwischen Neuer Musik (mit Konzepten, graphischen Partituren und Streichern als Gegengewicht zum Gebläse) und Freier Improvisation, angeregt von Fluxus und der politischen Aufbruchstimmung jener Jahre. Die Klangbilder zeigen Just Music auf parallelem Kurs zu etwa SME, den AACM-Experimenten in Chicago, dem Revolutionary Ensemble in New York. Das Cremer-Volhard-Trio mit dem späteren Musica Nova-Macher Michael Sell an der Trompete klingt wie von heute, das KSV-Stringtrio mit Stock sowieso zeitlos als Musique concrète instrumentale à la Lachenmann. Dass ausgerechnet Just Music 1969 die zweite ECM-LP überhaupt lieferte (nachdem sie ihr Debut Just Music noch in 300er Auflage in Eigenregie verlegt hatten), ist immer noch ein Lächeln wert.
1969 verguckte sich Harth auf einem Spanientrip mit Just Music in San Sebastian in die belgische Pianistin NICOLE VAN DEN PLAS, mit der er einige Jahre Kunst und Leben zur Deckung brachte. Sie lockte ihn 1971 in ein Bauernhaus bei Antwerpen, bevor sie 1973 ein Studium am Städel in Frankfurt begann (heute ist sie als Künstlerin renommiert) und er Zivildienst in der Kinderpsychiatrie der Uniklinik Ffm leistete. Alfred Harth / Nicole Van den Plas 19701971 (LP M15) dokumentiert ihr Zusammenspiel, teils noch mit Just Music-Freunden (wie auch auf 4. Januar 1970, einer 1970 wiederum im Selbstverlag publizierten LP), teils mit Bassgegeige von Nicoles Bruder Jean, aber - wie schon Paul Lovens auf M19 - auch Peter Kowald mischte da mit und selbst Peter Brötzmann half Windbeutel aufzublasen. Harth erweiterte sein Klangspektrum aus Tenorsax & Bassklarinette mit Xylophon, Geige, Zither, Harmonika, Tonband etc. Van den Plas fasziniert durch gewagte Vokalisation bis hin zu lustvollem Maunzen und vogelfreiem Gilfen, das sie zu ihren wild verstreuten Noten ausstößt, ganz Ausreißerin, ganz Schamanin, ganz Ablehnung der Elisen-Rolle, die das bürgerliche Programm für sie vorsah. Cremer oder Lovens pochten dazu wie ein adrenalingepushtes Raptorenherz und Harth eroberte den Luftraums mit der Überzeugung ‚Ich bin ein Elefant, Madam, und kann fliegen‘, aber er konnte auch so (mo)zart tun, wie ‚Mann‘ es nur in der Schule der Frauen lernt.
1972 formierte er mit Van den Plas und dem Trommler Sven-Åke Johansson E.M.T., was je nachdem Energy / Movement / Totale, Ekstase / Mystik / Transzendenz oder Extreme Musik Truppe heißen konnte und entsprechend klang. Van den Plas spielte jetzt auch noch Orgel, Harth nuancierte sein Spiel mit elektrifizierter Zither, Kontaktmikrophonen, Percussion, Mundharmonika, Flöten & Tröten, während Johansson, der aus Hamburg Kassettenbriefe mit neuen Spielideen schickte, mit ‚dynamischen Schwingungen‘ durch ‚Slingerland‘ eierte, Schaumgummi einsetzte und die Cymbals begeigte. E.M.T. vol.1 Haus Dornbusch / Heidnische Klänge / Heilbronn & vol.2 Hamburg Fabrik (LP M12 a + b) zeigt das Trio, das bisher nur auf Canadian Cup of Coffee (SAJ/FMP, 1974) dokumentiert war, live 1973, einmal mit Jean Van den Plas an Cello & Bass und einem Gastpiel von Michael Sell, in Hamburg dann mit Helmuth Neumann an Trompete & Schalmei und gelegentlich Liliane Vertessen an der Posaune. Ran an die Leute, hieß die Devise, und entsprechend theatralisch, happening- und zirkushaft wurde agiert, die Van den Plas-Geschwister orgelten und sägten, Johanssen deklamierte Stegreifnonsense, fiepte mit dem Akkordeon oder verfiel in ein Trommelrollen, zu dem Harth in den höchsten Tönen rotierte. E.M.T. spielte bewusst auch mit der europäischen Tradition und keiner soll mir erzählen, dass die Melodien und sentimentalen Déjà-vus nur durch den Kakao gezogen wurden. Eher wurden sie gemolken, aber auch aufgemischt mit Gerumpel und Getröte und so zweckentfremdet und den Spießern entrissen. Quasi waren das Akte eines notwendigen Vandalismus und der Enteignung der Enteigner. Implantiert wurde im Gegenzug energetische und spielerische Intensität, eine frei- und feuermusikalische Verve im chiastischen Widerspruch zu Wounded Knee und Watergate, Allendes Tod und dem Polytechnionmassaker in Athen, auch wenn sich das Trotzdem als ‚Protest gegen den Herbst‘ tragikomisch gab. Vieles, was Greil Marcus in Lipstick Traces an Punk expliziert, galt längst schon im Jahrzehnt vor Johnny Rotten & Co. Nur fehlte der rock-, rotz-, songpopuläre, quasi proletarische Impetus (dem Harth dann sich 1979 annäherte mit seiner Punkjazzgruppe mit Nicole Van den Plas und Christoph Anders, Keimzelle für Cassiber). In E.M.T. keimten dagegen hoch- und subkulturelle Pflänzchen mit bewusstseinsverändernder Potenz, Verwandtes zur Schwarzwurzelzucht und den Hustern für Karl Valentin auf FMP, Vorstufen von Goebbels/Harth-Material. Johansson verkörpert ja den Link zu Brötzmann und steht mit E.M.T. sicher nicht im plakativen Gegensatz zu dessen Spielweise oder der des Schlippenbach Trios. Aber der Ansatz mit Harth und Van den Plas war gezielt vielfältiger, er hatte mehr Haken, mehr eingebaute Selbstwidersprüche, mehr Mut zu Melodie sowieso und dazu noch Humor. A23H war, man muss sich da nur sein Gebläse auf ‚Dynamische Schwingungen‘ anhören, mit 24 schon der totale Mindfucker. Ich machte 1973 Abitur, hörte ‚Killing Me Softly‘ und ‚Midnight at the Oasis‘, ‚Smoke on the Water‘ und den ‚Soul Mokassa‘ (Club 16 sei Dank). Harth hörte ich zuerst 1984, schon nicht mehr glücklich mit Cassiber, danach dann mit Gestalt Et Jive. Von E.M.T. keine Ahnung, keine Spur. Aber es ist nie zu spät, um blinde Flecken aufzupolieren, schließlich zehrt die Gegenwart von ihren Tiefenschichten.
In BA 62, Rigobert Dittmann
JUST MUSIC wurde 1967 von Harth, damals gerade mal ein fürwitziger Teenager, am Centrum Freier Cunst in Frankfurt/M. initiiert, als Forum und Motor kollektiver und synästhetischer Verwirbelungen avancierter Klänge, Imaginationen und Text-Viren. Zeitgeist pur. Erstaunlich vieles davon ist archiviert und wird von Harth nun in die Frankfurter Gedächtnislücken der Wuppertal/Berlin-fixierten Jazzgeschichtsschreibung reimplantiert. Just Music ensembles (LP M11) päsentiert Aufnahmen von 1968-70 aus Ffm, Stuttgart und Prag, Just Music trios (LP M18) Improvisationen im Frankfurter Fuchshohl Studio vom März 1970 (ohne Harth). Just Music groups & duos (LP M19) enthält neben einem Ausschnitt der HR-Sendung ‚Junge Talente Stellen Sich Vor‘ von 1968 (mit einem 18-jährigen Schüler AH, der brav Fragen des Radioonkels beantwortet) eine Reihe von 1971er Abenteuern, die im Zusammenspiel mit Nicole Van den Plas schon den Übergang zu E.M.T. bedeuten. Dazu gleich. Als Just Music-Aktivisten hört man den starken Thomas Cremer am Schlagzeug (bis heute ein Veteran der Jazzszene in Mainhattan), Dieter Herrmann an der Posaune, Johannes Krämer an der Gitarre (später oft bei Annemarie Roelofs zu hören und heute mit All Clear), Peter Stock am Kontrabass, Thomas Stöwsand (bald rechte Hand von Manfred Eicher bei ECM) und Franz Volhard an Cellos und andere, allesamt wild entschlossene Grenzgänger zwischen Neuer Musik (mit Konzepten, graphischen Partituren und Streichern als Gegengewicht zum Gebläse) und Freier Improvisation, angeregt von Fluxus und der politischen Aufbruchstimmung jener Jahre. Die Klangbilder zeigen Just Music auf parallelem Kurs zu etwa SME, den AACM-Experimenten in Chicago, dem Revolutionary Ensemble in New York. Das Cremer-Volhard-Trio mit dem späteren Musica Nova-Macher Michael Sell an der Trompete klingt wie von heute, das KSV-Stringtrio mit Stock sowieso zeitlos als Musique concrète instrumentale à la Lachenmann. Dass ausgerechnet Just Music 1969 die zweite ECM-LP überhaupt lieferte (nachdem sie ihr Debut Just Music noch in 300er Auflage in Eigenregie verlegt hatten), ist immer noch ein Lächeln wert.
1969 verguckte sich Harth auf einem Spanientrip mit Just Music in San Sebastian in die belgische Pianistin NICOLE VAN DEN PLAS, mit der er einige Jahre Kunst und Leben zur Deckung brachte. Sie lockte ihn 1971 in ein Bauernhaus bei Antwerpen, bevor sie 1973 ein Studium am Städel in Frankfurt begann (heute ist sie als Künstlerin renommiert) und er Zivildienst in der Kinderpsychiatrie der Uniklinik Ffm leistete. Alfred Harth / Nicole Van den Plas 19701971 (LP M15) dokumentiert ihr Zusammenspiel, teils noch mit Just Music-Freunden (wie auch auf 4. Januar 1970, einer 1970 wiederum im Selbstverlag publizierten LP), teils mit Bassgegeige von Nicoles Bruder Jean, aber - wie schon Paul Lovens auf M19 - auch Peter Kowald mischte da mit und selbst Peter Brötzmann half Windbeutel aufzublasen. Harth erweiterte sein Klangspektrum aus Tenorsax & Bassklarinette mit Xylophon, Geige, Zither, Harmonika, Tonband etc. Van den Plas fasziniert durch gewagte Vokalisation bis hin zu lustvollem Maunzen und vogelfreiem Gilfen, das sie zu ihren wild verstreuten Noten ausstößt, ganz Ausreißerin, ganz Schamanin, ganz Ablehnung der Elisen-Rolle, die das bürgerliche Programm für sie vorsah. Cremer oder Lovens pochten dazu wie ein adrenalingepushtes Raptorenherz und Harth eroberte den Luftraums mit der Überzeugung ‚Ich bin ein Elefant, Madam, und kann fliegen‘, aber er konnte auch so (mo)zart tun, wie ‚Mann‘ es nur in der Schule der Frauen lernt.
1972 formierte er mit Van den Plas und dem Trommler Sven-Åke Johansson E.M.T., was je nachdem Energy / Movement / Totale, Ekstase / Mystik / Transzendenz oder Extreme Musik Truppe heißen konnte und entsprechend klang. Van den Plas spielte jetzt auch noch Orgel, Harth nuancierte sein Spiel mit elektrifizierter Zither, Kontaktmikrophonen, Percussion, Mundharmonika, Flöten & Tröten, während Johansson, der aus Hamburg Kassettenbriefe mit neuen Spielideen schickte, mit ‚dynamischen Schwingungen‘ durch ‚Slingerland‘ eierte, Schaumgummi einsetzte und die Cymbals begeigte. E.M.T. vol.1 Haus Dornbusch / Heidnische Klänge / Heilbronn & vol.2 Hamburg Fabrik (LP M12 a + b) zeigt das Trio, das bisher nur auf Canadian Cup of Coffee (SAJ/FMP, 1974) dokumentiert war, live 1973, einmal mit Jean Van den Plas an Cello & Bass und einem Gastpiel von Michael Sell, in Hamburg dann mit Helmuth Neumann an Trompete & Schalmei und gelegentlich Liliane Vertessen an der Posaune. Ran an die Leute, hieß die Devise, und entsprechend theatralisch, happening- und zirkushaft wurde agiert, die Van den Plas-Geschwister orgelten und sägten, Johanssen deklamierte Stegreifnonsense, fiepte mit dem Akkordeon oder verfiel in ein Trommelrollen, zu dem Harth in den höchsten Tönen rotierte. E.M.T. spielte bewusst auch mit der europäischen Tradition und keiner soll mir erzählen, dass die Melodien und sentimentalen Déjà-vus nur durch den Kakao gezogen wurden. Eher wurden sie gemolken, aber auch aufgemischt mit Gerumpel und Getröte und so zweckentfremdet und den Spießern entrissen. Quasi waren das Akte eines notwendigen Vandalismus und der Enteignung der Enteigner. Implantiert wurde im Gegenzug energetische und spielerische Intensität, eine frei- und feuermusikalische Verve im chiastischen Widerspruch zu Wounded Knee und Watergate, Allendes Tod und dem Polytechnionmassaker in Athen, auch wenn sich das Trotzdem als ‚Protest gegen den Herbst‘ tragikomisch gab. Vieles, was Greil Marcus in Lipstick Traces an Punk expliziert, galt längst schon im Jahrzehnt vor Johnny Rotten & Co. Nur fehlte der rock-, rotz-, songpopuläre, quasi proletarische Impetus (dem Harth dann sich 1979 annäherte mit seiner Punkjazzgruppe mit Nicole Van den Plas und Christoph Anders, Keimzelle für Cassiber). In E.M.T. keimten dagegen hoch- und subkulturelle Pflänzchen mit bewusstseinsverändernder Potenz, Verwandtes zur Schwarzwurzelzucht und den Hustern für Karl Valentin auf FMP, Vorstufen von Goebbels/Harth-Material. Johansson verkörpert ja den Link zu Brötzmann und steht mit E.M.T. sicher nicht im plakativen Gegensatz zu dessen Spielweise oder der des Schlippenbach Trios. Aber der Ansatz mit Harth und Van den Plas war gezielt vielfältiger, er hatte mehr Haken, mehr eingebaute Selbstwidersprüche, mehr Mut zu Melodie sowieso und dazu noch Humor. A23H war, man muss sich da nur sein Gebläse auf ‚Dynamische Schwingungen‘ anhören, mit 24 schon der totale Mindfucker. Ich machte 1973 Abitur, hörte ‚Killing Me Softly‘ und ‚Midnight at the Oasis‘, ‚Smoke on the Water‘ und den ‚Soul Mokassa‘ (Club 16 sei Dank). Harth hörte ich zuerst 1984, schon nicht mehr glücklich mit Cassiber, danach dann mit Gestalt Et Jive. Von E.M.T. keine Ahnung, keine Spur. Aber es ist nie zu spät, um blinde Flecken aufzupolieren, schließlich zehrt die Gegenwart von ihren Tiefenschichten.
In BA 62, Rigobert Dittmann
A23H - Anything Goes – Jazz ist eigentlich ein querstehendes Gefühl
Andere denken bei der Zahl 23 an Burroughs‘ 23 Skidoo, die Illuminatus-Reihe von Wilson & Shea oder den Hacker Karl Koch. Wir denken dabei an den Saxophonisten,(Bass)-Klarinettisten, Allroundkünstler, Projektemacher und Mindfucker
ALFRED 23 HARTH
und noch im selben Atemzug an das Duo Goebbels/Harth (1975-88) und Cassiber (w/ Christoph Anders, Chris Cutler, Heiner Goebbels, 1982-85), vielleicht auch noch Gestalt et Jive (w/ Steve Beresford, Peter Hollinger, Ferdinand Richard u. a., 1984-88), Lindsay Cooper‘s Oh Moscow (1987-93) und Vladimir Estragon (w/ FM Einheit, Ulrike Haage, Phil Minton, 1988-89). Und haben dabei einen Typen in Erinnerung in blauer Designerbrille, der insgeheim als empfindlich und ‚schwierig‘ galt, definitiv one of the "complicated" types*, alles andere als unbewandert in den ‚Principia Discordia‘.
Dass A23H über einen einzigartigen Ton auf Tenorsax und Bassklarinette verfügt,verstellt durch den Instrumentalisten leicht den ganzen Harth, den kreativen Tausendsassa mit einer angeborenen Vorliebe für Ausgefallene & Ausgefallenes°,den elektroakustischen und audiovisuellen Jongleur mit Max Bense, Zen und Fluxus, den polystilistischen, mit Duchamp-Pisse getauften, Schwitters-verzwitterten Kunstmacher und Foto-Grafen, den Gedichtmetz und Blogspötter, der sich (mit kritischem Abstand) zum alten Europa bekennt, zu Charly Parker und C.G. Jung als persönlichen Mindblowern, zu einem Faible für Fabeln, Fiktionen und Korrespondenzen, mit dem man über Winnetou ebenso parlieren könnte wie über Gurdjieff, der in Bekanntem von Doris Lessing (Bemerkungen über den Planeten Shikasta, 1987) oder Brodskij ebenso belesen ist wie in weniger Bekanntem von Paul Scheerbart oder seinem doppelgesichtigen Namensvetter Camillo Harth / Peter Duhr. Aber wie eloquent A23H auch mit Klängen, Bildern, Worten spielt, sie bilden, kombiniert und rekombiniert, letztlich nur den einen ‚Text‘, der das weiße Blatt des eigenen Selbst mit wachsender Selbsterkenntnis beseelt. Das Schöne daran ist, dass A23H diesen ‚Text‘ als Offenen Brief verfasst.
BA hatte A23H so um 1989/90 rum aus den Augen verloren und als dann die enge Verbindung zu ‚Recommended‘ insgesamt abriss, entging mir (damals) sogar so Einschlägiges wie die feministischen Domestic Stories (ReR, 1992), Lutz Glandiens drachenschuppig schillernde Vertonungen von Chris Cutler‘scher Babel / Bibel-Mythopoesie. Dagmar Krauses Gesang, Cutlers schepperndes Drumming,Fred Frith an Bass & Gitarre und eben Gebläse von A23H bilden die Quersumme aus Art Bears, News From Babel und Cassiber. Cutler raunt von 7 Teufeln, 7 Schleiern, 7 Toren, von Lilith, Salome und Magdalena, zeigt, dass die Schlange im Paradies und die, die um Äskulaps Stab sich schlingt, Schwestern sind, gibt Freiheit den Vorzug vor Eden. Schon dadurch ein unverzichtbarer Lichtblick im Primatenfeld, macht Harths Ton, seine eindringlichen Statements bei ‚Unquiet Days in Eden‘, ‚Pharmikon‘ oder ‚Red, Black, Gold‘, diesen Songzyklus zu einer Herzensangelegenheit, zu purer Bad Alchemy. Dieses quintessentielle Konzeptalbum ist eine Perle in der RIO-Krone und in Harths Diskographie.
Der Zeitgeist jener Jahre ließ BA die Fühler Richtung Soviet-Avantgarde und CSSR-Underground ausstrecken, während A23H mit dem TRIO TRABANT A ROMA 1991 in Esslingen State of Volgograd (FMP, 1994) einspielte und zusammen mit dem Ex-Moskauer Pianisten Simon Nabatov, dem polnischen Bassisten Vitold Rek und dem GTC-Trommler Vladimir Tarasov aus Vilnius das QUASARQUARTET bildete, von dem der Live-Mit-schnitt POPendingEYE (free flow music, 1992) aus der Alten Oper in Frankfurt zeugt. Damals lief einiges asynchron, so manches Traumschiff auf Sand. Avantgarde & Untergrund hinter dem Vorhang waren so schnell verdunstet, dass erst gar nicht die Notwendigkeit einer neuen Retrogarde bewusstseinsfähig wurde. Oh Moscow seufzte man nun aus anderen Gründen, die Mottos hießen ‚Osterweiterung‘ und ‚Umzug nach Europa‘.
Das Trio vereinte Harth, der 1970 mit Just Music auf dem Jazzfestival Prerov noch Lenins 100sten mitgefeiert hatte, mit Lindsay Cooper, Veteranin des Sturms auf den Winterpalast, & Phil Minton, seinem Reisegefährten zum Planeten Shikasta, Mitverkuppler von Aleister And Alice (1987) und mit Vladimir & Estragon gewürzter Trauergast auf Finnegans Beerdigung, oder war‘s Godot, der von uns gegangen war? Die frühen 90er kamen mit dem Begraben nicht nach, taumelnd zwischen ‚1st2nd3rd&4th‘ Welten, auf der Suche nach verlässlichen Magnetpolen auf der zerzausten Windrose. Exit Moskau, enter Mekka? Die drei Trabanten tourten zwischen Stalingrad und Wolkenkuckucksheim, machten Schluss mit poppiger Augenwischerei und empfahlen Spinat. Cooper mit Fagott & Sopranino, Harth mit einem Vollspektrum an Gebläse, Minton als Minton, alle abwechselnd mit Piano, dazu Keyboards und elektronische Effekte, so probierten sie zwischen Beauty & Biest und Non & Sense bab(b)ellogische Sprechweisen, mit Cooper-Harth als pfingstlichem und Minton als calibanischem, polymorph-perversem Element, das erst recht verblüfft, wenn es lauthals There will be other songs to sing anstimmt (‚beyond cut‘ aka ‚There Will Never Be Another You‘). Das Quartett andererseits - und ganz anders - wechselte zwischen Coltrane‘esker Hymnik und fast nur geträumten Melodiefetzen, plinkendem Glockenklang, perlenden Läufen oder futuristisch gehämmertem Pianorattazäng. Nabatov ist mehr noch als Ganelin mit europäischen Wassern gewaschen, während Tarasov feingliedrig changiert zwischen seiner snare-rasselnden, silbrig pingenden und tockenden ‚Atto‘-Folklore und Hot-Cat-Swing. Harths vollmundiger Gesang und Feueratem jagt einen immer wieder aus melancholischem Brüten und spleenigen Launen auf ins Licht, lässt einen im übernächsten Atemzug mit heiterem Zungenschlag ins Schlaraffenland tänzeln, um doch recht besonnen und lakonisch zu enden.
Jahrzehntelang war Frankfurt das kreative Zentrum des 1949 (1+9+4+9 = 23!) in Kronberg im Taunus geborenen Sprosses einer Kaufmannsfamilie, die aus Rothenfels im Spessart stammt. Zu seinen multiplen Aktivitäten dort hatten bereits Mitte der 60er das Centrum Freier Cunst gezählt, das Ensemble Just Music (1967-70), mit dem er 1969 auf ECM debutierte,oder die Punkjazzgroup (1979, w/ C. Anders, Nicole van den Plas u. a.) als Cassiber-Vorläufer. Dazwischen war sein Aktionsradius schon europäisch geworden mit EMT (1971-75, w/ N. van den Plas & Sven-Ake Johansson) und der Gunter Hampel Galaxy Dreamband (1973-74).
Später organisierte er in Ffm dann die Avantgardegalerie waschSalon (1984-91), das Kunstkonzept ‚Gedankenhotel‘ (1993-95) und nicht zuletzt lancierte er 1993 den Avantgardezirkel FIM (Frankfurts Indeterminables Musiqwesen) mit dem eigenen Recout-Label als Forum. Neben Seti im Club (w/ Peter Fey, 1991), dem Stern4et (1994) oder Tattoo (2000/01) ging mit IMPERIAL HOOT (1998-2000, vorher Imperial Hot, 1996-97) daraus ein Projekt hervor, das im Verbund mit dem Drummer Günter Bozem, Christoph Korn an Gitarre & Bass und Marcel Daemgen am Soundsystem Harths Faszination durch Liveelektronik beförderte, nachdem die Mixadelic-LP Pollock (1996) und die programmatische Cut-up-LP Anything goes (1986) bereits sein Interesse an postmoderner Metaauthentizität, Sampling und Eigenblutdoping gezeigt hatten. Secrets of Development (Blue Noises, 1999) steht beispielhaft für ein unpuristisches Collagieren, den Einsatz von Samples und automatisierter Rhythmik, alles Elemente, die dann durch etwa Thirsty Ears Blue Series zum Maß avancierter ‚Jazz‘-Dinge wurden. Aber allein mit seinem ungeheuerlichen Bassklarinettenspiel auf ‚You cannot break even‘ macht Harth Rudi Mahall den Dolphy-Award streitig, wobei Korns erratische Gitarreneinsprengsel für zusätzlichen Lustgewinn sorgen. Ein Monstertrack, der, wie sehr auch elektronisch angekurbelt und mit Stimmsamples gespickt, zuletzt dem Tenorsax abverlangt, noch einen besonders schönen Punkt aufs i zu setzen, ein Genuss, den ‚Loon‘ fast noch etwas krasser sogar noch topt. Daemgen & Korn griffen übrigens (w/ O. Augst) als ARBEIT, Daemgen & Augst zudem mit TEXTxtnd & EMT (sic!), die ‚Arbeit am Lied‘ im Geist einer ‚Frankfurter Schule‘ und Goebbels-Harth‘scher Lehrpläne wieder auf mit dem von Harth persönlich angereicherten Projekt Brecht-Eisler (1999) und den Arbeiter- & Volksliedneubearbeitungen MARX (2004) und JUGEND (2007).
Letztlich hat A23H aber sein Glück nicht gefunden am Main. Grund genug, zwischendurch nach Paris zu wechseln. Sweet Paris (1990) übersät die Seinemetropole mit Harth‘schen Fingerabdrücken. Zeilen, die der Karlsruher Maler Wolf Pehlke aus Paris geschrieben hat, gelesen von Schauspielern und Passanten, sind gebettet auf orchestrale Samples, O-Ton Paris und Drummachinebeats und durchmischt mit Musik von Wolfgang Seidels Populäre Mechanik (1983), La Guardia (1987, w/ Lars Rudolph, Stephan Wittwer & Witn Wito), Gestalt et Jive (1984), Projekten mit van den Plas (1972 & 79) und sogar einem ‚Melancholy Blues‘ von 1965. Mit ‚Oberkampf‘ & ‚Stalingrad‘ logiert A23H im Hotel Majestic, aber Paris zeigt sich spröde und Melancholie und Rückzug waren angesagt. Mit ‚Sweet & Bitter Little Death‘ verabschiedete er sich mit einem seiner dunkelsten Bassklarinettensoli.
Harth selbst hat sich einen eigenen Reim gemacht. Seit 1985 (1+9+8+5 = 23) synchronisiert er Dekaden mit dem "I Ging": 1985-1994 = 23. Hexagram (Die Zersplitterung); 1995-20+04 = 24. Hexagram (Die Wendezeit); 20+05-20+1+4 = 25. Hexagram (Unschuld).*
Zeit, das Glück in New York zu (ver)suchen, mit dem Trio Feather than God & Golden Circle (1995) und 2000 erneut mit dem mit ‚Grünkraft‘ gespannten TRIO VIRIDITAS oder starken Performances wie Expedition - Live at the Knitting Factory 2001 (w/ Chris Dahlgren, Jay Rosen, Hans Tammen, ESP). Live at Vision Festival VI (Clean Feed, 2008) zeigt A23H am 2.6.2001 noch einmal im empathischen Verbund mit Kevin Norton an Drums & Vibes und Wilber Morris am Kontrabass. Titel wie ‚Wind at the ear says June‘, ‚And loudspeakers loyal to the sea's deep bass say June‘ & ‚A wind reads ruts saluting the blue silk beyond pain‘ fangen als Galaxy Dreams (Slight Return) sehr schön die Poesie einer Musik ein, die man süßer und wilder nicht spielen kann und in die sich doch auch schon wieder eine zartbittere ‚Melancholy‘ eingeschlichen hat, die auch in Harths intensiver Version von Horace Silvers ‚Peace‘ noch nachzittert. Der emotionale Reichtum des Trios ist unüberbietbar und ganz seelenverwandt mit Trio-X.
9/11 und der Tod von Wilber Morris 2002 brachten jedoch die obligatorischen Brüche in die Harthschen Kontinuitäten. Dass es bei ihm letzeres nicht ohne ersteres gibt, stellte auch Christoph Wagner ins Zentrum seines A23H-Porträts (Neue Zeitschrift für Musik 6/2007).
Dann eben, in aller Unschuld, Rom. 7K OAKS vereint, am Gegenpol der Ratzingerei, Harth der übrigens 1986 beim Abschlussgottesdienst des Kirchentags im Frankfurter Waldstadion vor etwa 150.000 Seelen Solosaxofon gespielt und überhaupt ein großes Ohr für die ‚Vox Dei‘ hat - mit Massimo Pupillo, ansonsten Bassgitarrist von Zu & Original Silence, dem Drummer Fabrizio Spera (Ossatura, Blast) & Luca Venitucci (Zeitkratzer, Ossatura) an Piano & Akkordeon, um auf 7000 Oaks (die Schachtel, 2007) mit einer (Gegen)-‚Strategie der Spannung‘ am ‚unsichtbaren Turm‘ zu arbeiten, von dem aus die Freie Improvisation den bestirnten Himmel über uns nach Konstellationen der Freiheit absucht. Die Vier schüren mit free-jazzigen Reibungen, tayloreskem Piano, No-Wave-ruppigem Bassgespotze und Harthschem Flammengezüngel ein Lauffeuer. Harth setzt hier selbst auch Electronics ein und kühlt die Imagination nach all der Hitze auch ganz still und leise mit Fett und Filz unter dem Blätterdach einer Beuysschen Eiche, während die andern unter der Grasnarbe rascheln. Diesem Schüren von Spannung durch Reduktion folgen wieder die herrlichen Eruptionen und aufschießenden Hitzestrahlen von ‚Pi Too‘, mit A23H als furiosem Feuerspucker. Für das abschließende ‘The Invisible Tower‘ greift Venitucci noch einmal zum Akkordeon, während,angetrieben von Bassgegrummel, A23H sirenenhafte Glissandos bläst, aufschrillt und aus einem Sinuswellental heraus klarinettenspitz das Ziel anpeilt. ‚Pi Too‘ meint die Loge Propaganda Due, P2, jene Hintertreppenschurken aus höchsten Kreisen, die mit Segen der CIA mit der ‚strategia della tensione‘ den Bürgerkrieg herausbeschworen, Aldo Moro opferten (‚um den Bürgerkrieg zu vermeiden‘) und dabei die Roten Brigaden gleich mit erledigten. Kurz - die Riesen, auf denen Berlusconi reitet.
A23H sagt von sich, dass er sich eigentlich nicht als Solospieler geeignet fühlt. Er zieht Gesellschaft vor, mit allem, was sich daraus ergibt. Wenn er in einem orchestralem Kontext auftauchte, bei Oh Moscow etwa, waren das keine der üblichen Sidemangeschichten (das scheint am wenigsten sein Ding), sondern offenbar der Reiz eines Kollektiv-Klangs, den Harth ja schon im Sogenannten Linksradikalen Blasorchester (1976- 81) kostete. What I really enjoy in music is the simultaneous creative process of several persons.*
Ab 2004 tauchte er in ONJO auf (Otomo Yoshihide‘s New Jazz Orchestra & Out to Lunch, 2005, Live Vol. 1: Series Circuit & Vol. 2: Parallel Circuit, 2007), nach meinem Dafürhalten eines der spannendsten Projekte unserer Zeit. Harths Japan-Connection basiert auf Yoshihides Revolutionary Pekinese Opera mit Ground Zero (1995), die direkt Bezug genommen hatte auf das Goebbels/Harth-Projekt Frankfurt / Peking (1984),und wurde durch Yoshihides Cassiber-Remix 1997 (Live in Tokyo) ausgebaut. Dass Harth seinen Spaß hat an der ungenierten Manier, in der Yoshihide seiner Liebe zu Coleman, Dolphy, Haden, Mingus und immer wieder Jim O‘Rourkes grandiosem ‚Eureka‘ frönt, ist unüberhörbar. Und er war auch der richtige Mann für Sora (East Works Entertainment, 2007), konnte er doch für OTOMO YOSHIHIDE INVISIBLE SONGS einmal mehr das geliebte ‚Über den Selbstmord‘ von Eisler anstimmen. Sein herzzerreißendes Tenorsolo ist der emotionale Höhepunkt inmitten einer bizarren Mixtur, die eingerahmt wird von Leonid Soybelman und Jim O‘Rourke, die beide von „America, Land of Freedom“ singen, während Yoshihide dazu ein Banjo mehr rupft als zupft und Hubschraubergeräusche nichts Gutes verkünden. Dazwischen wird auch noch eine Overkillversion von ‚Comme à la Radio‘ (Areski & Fontaine) aufgelesen für eine nur als ‚sehr japanisch‘ zu bezeichnende ‚Sentimental Journey‘ ins Zentrum des musikalischen Universums. Yoshihide selbst lässt mit Gitarre & Turntables die Fetzen fliegen und dazwischen ertönt Sprechgesang der frankophilen ‚Shibuya-Kei-Prinzessin‘ Kahimi Karie, relativ straighter Popgesang von Seiichi Yamamoto und Kamikazegeschrei von Shinobu Kawai in Songs, auf die eine Alienmutter stolz wäre. Tatsuo Kondo (Lovejoy, Mihashi Mikako & Sohonzan) an Keyboards, Mitsuru Nasuno am Bass und Yasuhiro Yoshigaki an den Drums (beide Altered States & Ground Zero, dazu Korekyojin bzw. Rovo) sorgen zusammen mit Yoshihide, der dabei fast all seinen Faibles gleichzeitig frönt, dafür, dass die ‚sentimentale Reise‘ so auf Abwege gerät, dass A23Hs Gebläse genau richtig kommt, um über dem Mischmasch aus Freerock, Dub (‚Watermelon‘) und Noise (‚Sentimental Journey‘) mit lachender Verve die Piratenflagge zu hissen. Nicht daran zu denken, dafür einen außerjapanischen Vergleich zu finden und selbst der Name Phew deutet allenfalls für einige Aspekte die grobe Richtung an. Einerseits. Andererseits, sind Brecht & Eisler oder Areski & Fontaine oder Harth als Kurzschluss von Feuer & Eisler etwa halbe Japaner oder Chinesen des Schmerzes? Was hier so bizarr wie wild entschlossen klingt, ist nichts anderes als eine neue ‚Internationale‘ - Signale, die aufwecken, um darum zu kämpfen, „alles zu werden“. Etwas pathetisch gesagt.
Schon 1995 hatte A23H im hochkarätigen Golden Circle mit David Murray, Fred Hopkins & Dougie Bowne alte koreanische Hofmusik verjazzt, ohne wohl zu ahnen, dass Korea einmal zu seinem neuen Zuhause werden würde. Auch Imperial Hoot stimmte mit ‚Pansori Noon‘ einen Gesang der koreanischen Ein-Mann-Oper an. Ab September 2001 wurde die 24 Millionen-Megalopolis Seoul neuer Lebensmittelpunkt von Harth und seiner Frau, der Künstlerin Yi Soonjoo, und er kam nicht ganz unvorbereitet: I was 13 and copying an ink drawing of Lao Tse. I was 15 and reading D.T. Suzuki's "Zen" and C.G. Jung's writings, with his many links to Asian cultures. I started practicing Yoga at the age of 20 and started a macrobiotic diet at the age of 23 (1972), while also consuming Ginseng and exercising Judo. So, I was open to Asian wisdom and behavior since a long time.*
Das eigene LaubhuetteStudio hallte bald von neuem Tatendrang wider, der sich zu einer Reihe von Laubhuette-Productions auf CD-R und zur Mother-Of-Pearl-Reihe entfaltete, beginnend mit 08-15 celebration (2002), das sich auf den koreanischen Nationalfeiertag der Befreiung von den japanischen Besatzern bezieht (8+15 = natürlich 23), über die Filmmusik Akupunktur in Grün (2002) oder das Ensemble Naeil (2003), bei dem auch tra-
ditionell koreanisch Instrumente zum Einsatz kommen, bis zum micro- saxo- phone-Solo (2008).
eShip sum (1000cd, 2003), das erste ‚Perlmütterchen‘, bietet A23H-Träumereien und mehrstimmig züngelnde kleine Chorgesänge auf Bassklarinette, Tenorsax und Trompete, elektronisch gesprenkelt und dezent von minimalen Bass-, Piano- und Drumloops durchpulst, quasi als Morgengabe und Liebeserklärung an die neue Heimat, den ‚Sejongno Boulevard‘ und das ‚Leganza Daewoo Call Taxi‘. Reduziert auf ‚Der Feinheit Wesentliches‘ mischen sich Impressionen und klangliche Reflektionen. Stringsamples werden von D‘n‘B-Gefrickel und Stimmpartikeln durchzuckt und von Autohupen durchrauscht (‚de gloria oliviae‘), ‚Godswing‘, mit Vokalisation von Yi Soonjoo, lässt sich schon vom Schwung des Seouler Trubels mitreißen. Harth scheint sich durchlässig
zu machen für das neue Ambiente und gleichzeitig lockende Düfte auszusenden, lyrische Wellen, die Zärtlichkeit signalisieren und bisweilen so schön sind, dass man die Augen zukneifen muss. Stichworte wie ‚Gematria‘, ‚Shambhal‘ oder ‚Nitya-mukta‘ deuten an, dass A23H nicht ohne kabbalistisches, hinduistisches und buddhistisches Rüstzeug zu Werke geht, wobei seine spielerische Exotica das schönste Mitbringsel ist. Im Kornettspieler Choi Sun Bae fand er einen erstklassigen Partner, den er inzwischen auf Laubhuette 09 auch solo (2007) herausstellte.
Für einen Deutschen ist die unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft Korea-Japan ein merkwürdiger Zerrspiegel - alte Kultur, Größenwahn, Besatzung, Plünderung, Traumatisierung, Teilung, ‚Wirtschaftswunder‘. Südkorea wird in der Zeit vorwärts katapultiert, während Nordkorea auf einer anderen Zeitspur dahin kriecht. Südkorea und Japan spielen schlecht versöhnt zusammen Fußball, die Koreaner feiern den Hiroshima-Tag als Freudentag, weil damals die Sonne über den Vampiren aufging, die ihnen von 1910-45 das Blut ausgesaugt hatten. Der amputierte nördliche Zwilling geriet als unbotmäßiger Atomschurkenstaat ins Visier der USA.
„nu:clear re:actor“ (O BACK 0001, 2 x CD, 2004) reflektiert wie in einem Prisma, in dem sich die Moral der US-amerikanischen Politik in eine doppelte gebrochen hat, die Krise um das Atomwaffenprogramm des Geliebten Führers Kim Jong-il, die 2003 zu eskalieren drohte (und 2007 fast stillschweigend beigelegt wurde, längst durch das gleiche Spiel mit dem Iran aus den Schlagzeilen verdrängt), in einem stereoskopischen Blick zusammen mit 9/11 und dessen Nachwehen in einer ‚Strategie der Spannung‘, die aus Terrorgeängstigten Patrioten machte und nur noch Freunde oder Schurken kennen will. In einer rein elektroakustischen Arbeit nähert sich A23H der hermetischen Enklave nördlich des 38. Breitengrades an, die er als archaische Mischung aus knisterndem Feuer, ominösem Dröhnen, Schamanengesang, schäbigen Loops, Gonggedonge, Wassertropfen, geklopften Steinen, verzerrten Stimmen, Sirren und Ticken so undurchsichtig imaginiert, wie sie bis jetzt geblieben ist - ein Shangri-La, das sich Begehrlichkeiten verweigert. Die DMZ (Demilitarized Zone = Grenze zwischen Nord- und Südkorea) wirkt als ‚Zeitenscheide‘. Man sieht an orange sky in the South, with thousands of points of light in the landscape scattered around. And beyond the border there was instead a huge, really majestic darkness dome. Even more interesting was the difference in sound: on ‚my‘ side there was a constant white noise emanating from driving vehicles. And on the other side there was: ? I witnessed a simultaneous experience of two different ages in nocturnal ‚natural‘ landscapes.*
Neben dieser medial kühlen, untercodierten Magie wird als 우, dem (doppelten) u des koreanischen Hangeul-Alphabets, der 11.+9.+2+0+0+1 (= 23!) zu einem Riss in der Zeit, die sich in eine beschleunigte, heiße, übercodierte und eine gedehnte splittet. Beide Stränge strahlen Phantasmagorien aus, die, miteinander eifernd, Ground Zero und Bagdad, Wallstreet und die Buddha-Statuen von Bamiyan ineinander blenden. Der infernalische Auftakt entspringt dem Schlund von Harths altem Weggefährten Phil Minton, der ihn 2003 in der Laubhuette besucht hatte, gefolgt von Raps, Beats und babylonischem Sprachengewirr, chaotischen Zuckungen und verzerrtem Gebläse, alles wie zerkrümpelt und zerfasert. Kurze Schübe von Hollywoodsoundtracks, ein monotoner Rockgroove, kulminierend in einem diskant schleifenden Crash und Gepolter wie ein entgleisender Zug oder Godzillakrallen, die minutenlang Metallwände aufschlitzen (‚Tower‘). Danach erst nur rumorender Mulm und abgehackte Funksprüche, Telefongebimmel, Gestöhne und Gewimmer von Bassklarinette, gepresst genuckelter Trompete und Saxophon, Trauerarbeit von Strings (‚Tinctur‘), federndes Wummern als knurschiger Loop, der zunehmend hektisch eskaliert, eine Bastonade der gestörten Wahrnehmung, die, gepeitscht und daueralarmiert, mit Technorhythmik kollidiert (‚Tube‘). Maschinengewehrsalven hämmern, es quäken Stimmen, mickymausig verzerrt, überrauscht von U-Bahngebraus und Videospielschlachtenlärm, das ganze ‚Tang‘ ist plunderphonisch zerrüttet, ein knurriges Roaratorio, Trash statt Tragik. Im finalen ‚Ten C‘ kreuzen sich Zeitlupe und Dromologie, ein hysterisches Knäuel aus Spieluhr, Mundharmonika, Stimmengewirr und Noise, das unvermittelt abreißt. 23 vs. Double U (W = der 23. Buchstabe)? Wer steckt hier im Godzillakostüm?
I wished to fill my art with the consciousness that "the other" is, and always was, here with or without any stress and circus.* Die Präambel der Verfassung von Harthland gilt auch da, wo sie am unverzichtbarsten ist, bei den Freund-Feind-Topics und den Verlockungen simpler Schwarzweißmalerei. Dennoch zögert A23H nicht, konfrontiert mit der Kontinuität brutaler Geschichte, unverdrossen sein geflügeltes Streitross zu satteln und zwischen Einstürzenden Neubauten & Aufbauenden Freimaurern° gegen die Monster und Riesen anzureiten, die sich als Windmühlen und Lämmer tarnen.
15.8.2008, Korea feiert heute seinen Nationalfeiertag, gleichzeitig Tag der Befreiung 1945 und Independence Day 1948. Ich finde Maria Himmelfahrt um einiges mytho-poetischer.
T_ERROR & kr ./. jp (slow.0002, DVD + CD, 2005) inszeniert auf der visuellen Ebene einen 35-min. Overkill aus Bildern. Harth verwirbelt eigene Fotos, Videos, Zeichnungen mit TV-Schnipseln, Nachrichten, Fiktionen (Fahrenheit 451) und Desinformationen, analoge und digitale Techniken, Low-Fi-Optik und Computer-Hightech zu einer Matrix, gewebt und gleichzeitig durchschaut mit dem kritischen Medienbewusstsein von R.A. Wilson, Samuel Weber und W.S. Burroughs. Der alte Wild Boy, mit dem Harth 1990 in Frankfurt die Ausstellung ‚Paintings on Paper‘ organisiert hatte, taucht immer wieder auf in diesem Cut-up A23Hscher Wahrnehmung und Gestaltung von Realität aus 25 Jahren. Vertont ist das in einer quasi ‚terroristischen‘ Collage, einem Brainstorming aus Industrial-Noise & Cyber-Electronica, stechenden Sinuswellen, eigenem, ebenso durchdringenden Gebläse, ‚gefundenen‘ Sounds, koreanischem Operngesang, Freejazz- und Orchesterklang. Wirklichkeit und Wahrnehmung vexieren dabei in vielspurigen Überblendungen wie Terror & Irrtum, Desperado-, Staats- & Medienterror, Mücken & Elefanten, Irrtümer und inszenierte Täuschungen, Planet Eden & verkehrte Welt. Es gibt immer guten Grund zu brüllen wie Howard Beale in Network: "I'm as mad as hell, and I'm not going to take this anymore!" Die Mittel, es der Welt zu zeigen, machen den Unterschied. Entweder Selbstermächtigung zum Künstler, oder zum Terroristen, Bomben, oder Spiegel, das Elend mit Galgenhumor düngen, oder die Löschtaste drücken.
Art shall not be holy shit & and artists no holy cows.*
„kr ./. jp“ erinnert an das durch japanische Gewalt vergiftete Missverhältnis Koreas und Japans. 1905 wurde Korea japanisches Protektorat und 1910 vollständig von Japan annektiert und ausgeplündert. Die Annexion endete erst mit der Kapitulation Japans am 15. August 1945. Auf seinem Flickr-Fotostream** zeigt Harth den letzten koreanischen Kaiser und kommentiert: [1895] Japanese ninjas killed the Korean emperor's wife [Empress Myeongseong] and robbed the palace. Shortly after the Japanese abolished the Korean emperor's dynasty. On the other hand Japan's emperor who is suspected of war crime throughout World War II could continue to reign until 1989 when he died. Als atomares Megaopfer und verschanzt hinter seine trotzige Schamkultur, mauserte sich Japan zum Kriegsgewinnler, ohne je seine Schuld(en) speziell an Korea zu begleichen.
Orchestrale und String-Samples von Yun I-sang (1917-95), Impulse der Astronoise- Elektroniker Hong Chulki & Choi Joonyong und Sounds von Harths HaLe PaAt-Partner Bülent Ates, ‚koreanisches‘ Getröte, Rapfloskeln und Gegonge verbinden sich mit eigenem, oft ganz elegischem Gebläse und krätzigen, ploppenden Clicks + Cuts zu einem immer wieder giftigen oder pathetischen Ansturm auf die Sinne. ‚Contury Cheiron MMV‘, der abschließende vierte und längste Track, mixt (Meeres?)-Rauschen, Funksprüche und freejazziges Saxophon mit wiederum durchdringender Elektronik, mit unterschwelligem Trauermarschduktus, als ob das Sogenannte Linksradikale Blasorchester auferstanden wäre aus Ruinen. Pianonoten beruhigen das Bläserchaos nur vorübergehend, schnarrende Trompete und ein atemlos bohrendes Saxophonsolo kehren wieder, mit elektronischen Schleppen, Rückwärtsloops. Das Tenorsaxophon wechselt kurz ins Elegische, gerät aber in eine wirbelnde Zentrifuge, surft auf dem schlagzeuggetriebenen Noise furios dahin, wird kurz von einem Dudelsack verschluckt, behält aber mit bittersüßem Ton zu Maultrommeltwangs das letzte Wort.
Der weise und gerechte Kentaur Cheiron, von einem Giftpfeil des Herakles zu einer Ewigkeit aus Schmerzen verdammt, vermachte seine Unsterblichkeit dem Prometheus und wurde in das Sternbild Zentauri verwandelt. Allein mit so einem Namen evoziert A23H eine mythopoetische Erzählung von Betrug, Zoophilie, Missgeburt, Widerspruch von Schein und Wesen, Heilkunst, Gastfreundschaft, Streit, Kollateralschaden, Schmerz und Tausch, die sich tragisch fortsetzt im prometheischen Zwitterwesen.
Mit Seoul Milk (slow.002, 2002/2005) - die führende Molkerei der Stadt heißt tatsächlich so - pflückt A23H seiner neuen Heimat mit ihrer fein unabgestimmten Mondkultur°, ihrer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen als bizarrer Mixtur aus Tokaebis & High Tech, antik & ultrahip, einen weiteren Strauß an klanglichen Blüten aus dem Garten der Lüste. ‚A sonic bouquet‘ nennt er selbst den 56-min. Soundscape, der in einem elektroakustischen Konglomerat den O-Ton der Stadt durchschüttelt mit elektronischen und instrumentalen Zutaten, Gesängen, Hupen, Stimmengewirr, Maschinenbeats, gipfelnd im Über-Verdi-Pathos der Eröffnungsfeier der Fußball-WM. A23H als Muslimgauze des Fernen Ostens. In einer ersten Fassung ausgestrahlt vom HR 2002, ist der Remix von 2005 noch dichter und stärker verarbeitet in eine polymorphe, vielschichtige Collage aus Loops, Cut-ups, Drones und der gedämpften Trompete von Choi Sun Bae, den Harth mit Saxophon und Bassklarinette umzüngelt. Auch im Vergleich mit der träumerischen, exotistischen Leichtigkeit von eShip sum ist die Musik nun tougher, urbaner, noisiger, geballte Rushhourhektik, Geschäfts- und Nightlife-Remmidemmi, die eifrig und begeistert nachgespielt werden. Als ob das spielerische Simulakrum den realen Stress, die fremden und unverständlichen, erst recht unbeherrschbaren Aspekte sublimieren, drohende Anästhesie reästhetisieren könnte. A23H spiegelt, reflektiert, überbietet mit seinem Milkshake den 24-Stunden-Disco-Sound von Seoul. Darum geht es doch immer, Plünderung, Aneignung, Kannibalisierung, aber eben als Spiel, nicht grausam, sondern verliebt. Und letztlich bleibt das Objekt der Begierde und der Ängste unberührt, unbeschädigt, in seiner Eigenheit sowieso unfassbar und unantastbar. Allenfalls Grund für ein Ahh! und die Erkenntnis ‚Tat tvam asi‘ - das bist du.
NUN (O BACK 0002, 2006) verbeugt sich vor der koreanischen Poesie. Exemplarisch stehen dafür, passend zum Jahr des Hundes, ‚Dog‘ von Yun Dong-ju (1917-1945) und ‚Leasing a Straw Hut‘ von Yi Kyu-bo (1168-1241). A23H denkt freilich nicht daran, in falscher Andacht von seiner zerrissenen, hypermodernistischen Ästhetik abzuweichen. Er mischt seine Komposition ‚iGnorance‘, 2005 als Hommage an I-sang Yun aufgeführt, die er mit Material seines Frühwerkes ‚Simulator‘ gespickt hat, mit Samples seiner letzten Frankfurter Band, dem Freestyle-Dope-Beat-Quartett Tattoo, von 2001 und zerhäckselt das Ganze als Klangcollage à la Sweet Paris, nur noisig und zerfetzt. Die Selbstverständlichkeit, auch das Selbstverständnis, dass Gestern und Vorgestern mit hoher Selbstreferenzialität im Heute ständig anwesend sind, ist typisch für die Harth‘schen Illuminationen. Mit ‚For Taran‘ folgt ein natürlich stupendes Bassklarinettensolo, mit ‚Bref‘ ein Soundclash von 1998 zwischen Harth an Farfisa und Rhythmbox und Micha Daniels (vom Stern4et) an Gitarre und Mizmar und als ‚Test for Tokyo‘ ein mit Kontaktmikrophonen und Kaoss Pad frisiertes Tenorsaxsolo. Das Yi-Gedicht ist eingebettet in improvisierte Klänge der Pianistin Kae Soojung und des Bassisten Chang U Choi, Harths Partnern im Jeep Quintet/mode 0 und Fieldrecordings von der Kieselsteinbucht in Hakdong, ein Ort, der in Korea für seinen Schönklang berühmt ist, wobei diese Ingredienzen massiv zermorpht und mit Harth-Vielklang verrührt wurden. ‚108‘ schließlich bezieht sich auf die 108 Hindernisse, die es auf dem Weg zur Erleuchtung zu überwinden gilt und enthält Violinklänge von ATA (aka Andreas Scheufler). In fasrige, helle Drones mischt sich ein Saxophon, das aber im ursuppigen Untergrund, der beständigt brodelt und fiept, untergeht. Die Welt ist nur stellenweise koreanisch und poetisch, 107 ihrer 108 Attribute sind chaotisch.
19.8.2008. Seit heute ist A23H Zweigstellenleiter der Walther von Goethe Foundation in Seoul.
Homura (Off Note, ON-62, CD + DVD, 2007) heißt Flamme, speziell die, die im Herzen glimmt. Jedes Kapitel des Treffens von A23H und des Trompeters CHOI SUN BAE mit dem japanischen Pianisten YORIYUKI HARADA spielt auf ein spezielles Feuer an - Sternenlicht, Leuchtfeuer, das mythische Feuer aus dem Maul des Fuchses, das damit verwandte Irrlicht über Gräbern und die Glut unter der Asche. Die Musik verbeugt sich
vor dem Drummer und Kalligraphen Kim Dae Hwan (+ 2004), einem Pionier koreanischer Feuermusik, und vor dem japanischen Illustrator Eitaro Takenaka (1906-1988), einem Meister des "ero-guro-nansensu (erotic-grotesque-non-sense)"-Stils. Harada, Jahrgang 1948, zählte mit Kazutoki Umezu und Shudan Sokai sowie Seikatsu Koujyou Iinkai Dai Kangen Gakudan in den 70ern zu den Jungen Wilden der japanischen Fire Music. Heute, schlohweiß geworden und mit vor Konzentration zugekniffenen Augen, hämmert und feuert er seine Noten, dass Massimo Ricci*** an Sergej Kuryokhin an seinen besten Tagen denken musste. Zusammen mit dem weißbärtigen Trompeter, bei dem ich einen Vergleich mit Bill Dixon wagen möchte, vereinen also drei erfahrene und je eigene Köpfe ihre pyromanischen Kräfte für eine meisterlich geglückte dreiviertel Stunde. Dass schon eine Vertrautheit zwischen den ‚Seoulern‘ besteht, die als Zusammenklang und gekonnte Kontrapunkte hörbar wird, scheint Harada nur zu besonders kapriziösen Wendungen und dezisionistischen Behauptungen anzuregen. Sein ‚Großes Tor von Kiew‘-Ton, seine ent-
schlossenen Salven bei ‚Noriyoshi‘ treiben Harth kopfüber an die Decke. Choi lockt den japanischen Feuerwerker danach für ‚Kitsunebi‘ auf lyrisches Terrain, nur um Hühner zu rupfen und Herb Robertson mit dem Ellbogen zu schupsen. Harada macht einen auf Mengelberg, zeigt schlitzohrigen Humor, der im Handumdrehen Harths ‚Onibi‘-Poesie mit füchsischen Einflüsterungen zum Irrlichtern bringt. Die Glut von ‚Uzumi‘ facht Choi zuerst nur fauchend an, bis Harada immer stärkere Funken aufglimmen lässt, die sich ihren eigenen Weg fressen. Ich bin da nur Zunder auf diesem Weg, der in der Flammenpracht von ‚Homura‘ endet, das einen endgültig mit maximalistischen Einfällen glühende Backen macht.
Die DVD fügt dem noch drei Farbtöne an, ‚Homura [shadow blue]‘ im Trio, von Videopsychedelik und Schwenks über Land und arme Leute überflackert, als ob klar gemacht werden sollte: Da sind keine Aliens gelandet, das ist mitten aus unser aller Leben gegriffen (ein nicht ganz so primeliges Auge erkennt freilich auch das japanische Klischee vom popeligen Korea). Danach ‚crimson‘ als Harada-Solo und als ‚purple‘ ein Duett von Kim Ju Hong & Kwark Jae Hyuk mit Jing-Gong und der Bambus-Oboe Piri.
Eines der aktuellsten Kapitel der A23H-Saga, in der hier Stationen wie die Duos mit Mani Neumeier (Red Art), John Zorn oder Peter Brötzmann (alle 1986), mit Heinz Sauer (Parcours Bleu a Deux, 1992-93), Wolfgang Stryi (1996-97) und Uwe Oberg (1997-99) oder das filmisch inspirierte Projekt mit Peter Kowald (Region 2 for Seconds, 1998-99) und sogar das Power-Trio mit Brötzmann & Sharrock (1987) fast unbemerkt von Gras überwuchert werden, entstand 2007 in Kräuterteezeremonien mit Hans-Joachim Irmler (in dessen Fauststudio) und Günter Müller. Letzteres war ein Wiedersehn, denn Müller und sein damaliger Nachtluft-Partner Andres Bosshard waren 1987 zusammen mit Minton und Sharrock Teil von Harths heftigem Projekt Aleister & Alice II für das Jazzfestival Willisau gewesen. Als TASTE TRIBES (For 4 Ears, 2008) mischten und schichteten die Drei Sounds von Tenorsax, Klarinette, Kaoss Pad etc. (A23H), ‚Phantomorgel‘ (Irmler) & iPod + Electronics (Müller), dazu flossen Gitarrensamples von Kawabata Makoto mit ein und Ausschnitte von Conrad Schnitzlers Projekt ‚Eruption‘ (1970). Harth dockt mühelos am For 4 Ears-Format an, bläst wie durch einen Strohhalm und doch entsteht ein großes Rauschen, wenn ‚Genuine Imitation‘ durch eine orchestrale Wolke driftet. Subwoofer, in geile Tiefen° abgestiegen, lassen die Hörschwelle erzittern, die Geräuschwelt wird mit Luftlöchern perforiert. Harth fiept aus dem letzten Loch, bis ihn das feine Orgeln und schleifende Mahlen der ‚Weasel Worlds‘ verschlucken. In Gebrodel geköchelt, wird er zum Trocknen an die Wäscheleine auf der Wiese hinterm Haus gehängt. Seine Klangcollagen in Eigenregie sind nicht derart feinstofflich, derart nur Schatten von Klängen, so pneumatisch, dass sie kaum Schatten werfen. ‚Doubletwist‘ lässt die Schatten sublim schnurren, atmen und davon träumen, einmal der süße Ton eines Saxophons zu werden oder einer gewesen zu sein. Im Selbsttest vergewissern sie sich ihrer Existenz, unter der es wieder abgründig grummelt. Entschieden lebhafter ist dann ‚Eruptive Obfuscation‘. Eine Maßstabverschiebung macht aus der Nebelkammer den Raum für einen Spacetrip, aus komischen Krümelmonstern werden kosmisch groovende Kuriere, die, auf eigene Faust zur Rushhour mit einer Lieferung Müller-Milch unterwegs gen AlfHa Zentauri, den Topos widerlegen, dass es im Weltall lautlos zugeht. Womit schlagend die Inkongruenztheorie bestätigt wäre. Unangemessene Erwartungen werden durch ‚kognitive Dissonanzen‘ düpiert, Konsequenz: Irritation & verlegene Scherzchen meinerseits. Aber ist nicht doch jede Kotkugel, vom Heiligen Skarabäus gerollt, sonnenhaft? Was bleibt? Die Erwartung weiterer, von ‚ewiger Blumenkraft‘
überquellender Überraschungen. Denn ich habe Harths Versprechen im Ohr:
Music that makes me feel happy and sorrowful at the same time
is the most interesting to me.*
* http://a23h-interview.blogspot.com
** www.flickr.com/photos/a23h
*** Touching Extremes
° Briefwechsel mit rbd [unveröffentlicht]
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in Bad Alchemy 60,rbd
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