Alfred 23 Harth: MOONDADA (Moloko Print 23, 218p)


Keine Musik diesmal, sondern moon-sun-surreale Einflüsterungen des Laubhuettenvogels in Seoul, autobiographische Glückskekstexte aus fünf Jahrzehnten, die einen huckebein nehmen. Poesie mit Lichtzwang, Sprachkunst als Reißzweck, kranichklar, karpfengrau, rabenschwer, elsterklug. Wortwitz und Textlust, koreanisiert mit Sprachfibeln, User Guides, Benutzeroberflächen, Hintergrundsgerüchen. Borges und Celan grimoirisiert, by heart und per Software, Verschreibkunst im Delearyum, springend von Aleister und Alice zu Ufos über Oulipo, von 1966 zu "Red Art" (1984) zu "Plan Eden" (1986) zu neologistischen G23-Gipfeln jenseits von Kalkül. Als verrückter, absurder, heilig-profaner Katzengoldmacher und Ginkgobeuysianer häuft Harth auf schmalem Weg ins azephalische HuxleyOrwell-Futur verarnoschmidtste AH-und Moiré-Effekte, mit Yi Sang und Bataille im Gefieder. Der pfingstliche Ant-Zen-Kentaur zündet für den listigen Hubert Bergmann 'Nasrudin's Meisterlampe' an, gedenkdankt Friedrich Kittler (1943- 2011), fragt "Wieviel Du verträgt dein Herz" und wechselt zwischen Scherben- und Pilzgerichten täglich das Gesicht für die Quest der Evolution. Ab Seite 82 fängt prosaisches Neuland an, Briefe, Blogeinträge "Peripathy", Träume, Tourtagebuchnotate (mit dem Shanghai Quintet in China, mit Gift Fig am Kap), fernöstliche Tripreportagen, mit Geschichtsbewusstsein und feinem Ohr für den Clash of Civilizations: "Buddha sitzt, Jesus hängt", koreanische Elster vs. japanische Krähe. Allerdings erweist sich koreanische Schwarze Pädagogik unerwartet als aufoktroyierte japanische und diese als Imitat preußischer 'Tugenden'. Oder südafrikanische Armut als langes Nachbrennen 'kaukasischer Gräueltaten'. Mit Grenzen als Dauerthema, so nah an der Grenze, dem Eisernen Dreieck, zwischen Nord- und Südkorea als vermintestem Streifen der Erde. Harth w.s.burroughst und ploogt in einem Sprachfluss ohne Ufer, Simple Deutsch kann him furchtbar leckn. Er betreibt die Kunst, einer toten Hose all die Kunst zu erklären, die er zwischen dem Ha und dem Ha in sich trägt. Er zieht fiktive Mixed-Media-Künstler aus dem Hut, erfindet Ceeno Keerkenbow als Mynheer Peeperkorn der Neuen Musik, Albern Hellmuth Boring für eine Parodie des NZfM-Jargons, betreibt selber auch Frisörkritik. Seinen Japantourreport beendet er mit "Ja, Pan, ich tanze." Für eine Kyoto-Lecture brainstormt er über Jedi-Meister-Yoda-Grammatik, Peinlichkeit, Massenmörder (wie Bush) und Bauernopfer (nicht nur beim Schach). Merke: "Mull-ah Nidur-san immerfremd muss bleiben!" (Mulla Nasrudin ritt bekanntlich rückwärts auf dem Esel). Harth taucht den Pinsel in "Mynonas Wohlwohnfarbkasten", dennoch entsteht nicht erst, wenn er die desasterkapitalistische Zukunft wahrsagt, ein Vanitas-Bild (mit Nipper). Er korrespondiert mit Wolfgang Müller über die Walther von Goethe Foundation Seoul, phantastert 23 Tage lang mit an 'Die Dschungel. Anderswelt', dem Blog von Alban Nikolai Herbst ("Wolpertinger oder Das Blau") und würzt dessen 'Kybernetischen Realismus' mit dem 'Réalisme spéculatif' von Quentin Meillassoux. Er schreckt nicht zurück vor "Dieb Burble, verzettel dich nich", "Der Schlingel siefte" oder "Häscher im Weizen". Daneben Herbststimmung mit Haifischknorpel & Algensuppe. Und Tigertristesse (der letzte koreanische wurde 1923 von einem Japaner in Knickerbocker erschossen). Um zuletzt "Moondada" zu rufen, koreanisch für "Tür zu." Nicht ohne einem Hugo Balls "Gadji beri bimba..." (übersetzt: Elster Beerenfutter) als koreanischen Floh ins Dada-Ohr zu setzen, via Briefen von Franz Eckert (1852-1916), dem Kapellmeister am koreanischen, ab 1910 japanischen Hof in Seoul, die von dort nach Berlin gelangt waren. Dass der heutige 'Hof' der Präsidentin Park die Romanows und Rasputin bescheiden aussehen lässt, ist Dadaismus der bösen Sorte. Das A23H-Lesebuch, ein "Bewusstseinsexpander" aus poetisch verspielten, persönlichen, immer geistesgegenwärtigen Fragmenten, ist, illustriert mit Zeichnungen, Radierungen und Frottagen von ihm, Avant-Mixadelic, bei der man schnell nicht mehr weiß, wo einem, so "lachend seekrank", der Kopf steht. Was bleibt aber stiften lausbübisch stammelnde Dichter.

Rigobert Dittmann in Bad Alchemy 93

HARTH / SEIDEL / SPERA / VAN DEN PLAS Malcha (Moloko+, Plus087)

Kernstück dieser wie koreanischer grüner Tee aufgeschäumten Musik ist eine Session von Alfred Harth, Wolfgang Seidel & Fabrizio Spera am 13.11.2015 in Wedding. Die freilich nicht denkbar wäre ohne das Hintergrundrauschen von Seidels 'Total Freier Musik' mit Conrad Schnitzler und Harths 'herrschaftsfreier Musik' mit Just Music, das bereits Anfang der 80er schon mal zusammen­gerauscht ist, als Harth mit Seidels Populäre Mechanik improvisierte. Vermittelt wurde das durch eine Beuys-Connection von Schnitzler und Harth, der 25 Jahre später sein Projekt mit Spera wiederum mit Beuys-Spirit 7k Oaks taufte. Virtuell waren Harth & Seidel sich bereits für "Five Eyes" (Moloko+, 2014) wieder nahegekommen, diesmal also von Angesicht zu Angesicht. Allerdings mit massiver Nachbereitung des Sessionmaterials im Harths Seouler Laubhuette. Insbesondere infiltrierte es den Sound seiner Saxophone, von Seidels Buchla, Vibes und präparierter Gitarre und die von Speras Drumming verdichtete Percussion mit Zuspielungen von Nicole van den Plas, seiner Partnerin einst in E.M.T. Deren schamanistischer Singsang, ihre Pfeifen, Piano und Daumenklavier, dazu Gekrabbel auf Zither und Balalaika bohren zusammen mit Harths Dojirak ins kirrende und brodelnde Delirium ein Wurmloch bis ins indische Oudh. Durch das quoll die phantastische Geschichte der Begum Wilayat Mahal, die sich mit zerstoßenen Diamanten im Malcha Mahal das Leben nahm, und inspirierte zu den Titeln. Ähnlich weird, wenn nicht noch bizarrer und überwirklicher ist der akustische Gegenentwurf zu Sinn und Form, Maß und Ziel, Ersatzausdrücke: anarchisch, polymorph-pervers, unsystematisch offen, honigplastisch. Harths Laubhuettenästhetik bis hin zu "Kepler 452b Edition" (auf Kendra Steiner) ist eine Explikation dieser unbedingten Freiheit. Sein Tenorclash mit Seidels Buchla ist ein Triumph, aber wie van den Plas den Hexenbesen schwingt und was die sieben Spatzen unter ihrem Dutt da treiben, das setzt noch einige Zacken obendrauf.

[BA 92 rbd]

Kendra Steiner Editions (San Antonio, TX)




Wenn die Furie heuer gleich (und gleichzeitig) zwei Gründungsmitglieder von Jefferson Airplane wegraffte, bekommt das Codewort Tunnels (#333, CD-R) für das Gitarrensolo, das ERNESTO DIAZ-INFANTE 2014 Next Door to the Jefferson Airplane Studios San Francisco klampfte, eine vielsagende Schwingung. Der Furie hat freilich auch der hartnäckigste Maulwurf noch nicht entkommen können. Ich bin umso mehr versucht, die monotonen Schläge, mit denen unser Mann aus Salinas unermüdlich wie ein Uhrwerk die Saiten wie ein Akkordeon dröhnen lässt, eine Protestmusik zu nennen. Die der Zeit ihre eigenen Zähne zeigt, die den Sekunden sagt: Wir sind von gleicher Art, geht weiter. Es ist das, nach "Emilio" (2011) für Bajo Sexto, Electronic Tanpura & Singing Bowls und "Sol et Terra" (2015) im Duett mit Lisa Cameron, eine ausnehmend minimalistisch-repetitive Demonstration und Feier der, mit einem dröhnend summenden Bordun, der leicht indisch anmutet. Hatte "Sol et Terra" unter dem Zeichen der Tarot-Königin der Münzen und dem von Jefferson Airplane mit Sternen und den Rhinozerossen von Poonell Corners jongliert, geht es hier mit geschlossenen Augen um den bewegten Stillstand in einer klingenden Sphäre, um einen Schwebezustand, den eine beharrliche und ausdauernde Hand aufrecht erhält. 

BRIAN RURYK einen Gitarristen zu nennen, hieße den Spaß fast zu weit treiben. Aufgewachsen in Toronto unter dem Fluglärm des Pearson Airports und angefixt von "No New York", sieht er sich selber allenfalls als Gitarrenidioten, als primitiven Gitarrensimpel. Den Kram, den er seit über 35 Jahren macht, nennt er nicht "Guitar Ape" oder "Piece of Shit Guitar", um nach Komplimenten zu fischen. Wo sonst "Bitte nicht füttern" steht, steht bei Ruryk "Please Don't Encourage Me". Was er spielt ist Schrott. "Broken String, Less Work", so einfach ist das. Actual Size...degress again (#334, CD-R) bringt chadbournesches Freakout, Feedbackkrach und andern Krach. Das Tonband ist wie mit Machete zerstückelt, beschleunigt, verlangsamt oder an die Ziege verfüttert, die an der Müllkippe ihr Dasein fristet. Die Saiten gefetzt, gerupft, zerkratzt, bekrabbelt, geschruppt. Nichts bleibt am Stück, alles ist zerschnitten in winzige Kürzel, gestaucht, geloopt, vielspurig geschichtet, überschüttet mit schrottigem Krawall und perkussiver Randale, oder ein bisschen Piano, Radio, weiß der Teufel. 'Sweet Death' fällt aus dem Rahmen, wegen seiner 8:03 (neben zerkrümpelten 1-2 Min.), aber auch durch einen Auftakt wie mit Chorvokalisation. Der auf der Fletcher-Munson-Kurve skateboardende Irrwitz nimmt überdurchschnittlichen Realismus für sich in Anspruch, taugt aber auch als Verstörung und als Ausstiegsoption für die Unhappy Few. 2009 zählte Ruryk "Torture Time!" (Parachute, 1981) von Polly Bradfield & Eugene Chadbourne und "alles von Xenakis" zu den Schätzen seiner Plattensammlung. The MusicGallery, Toronto's Centre for Creative Music, präsentierte ihn 2015 als "local icon of abstract guitar" neben dem Trompeter Peter Evans, als 'Weird Doods' von vergleichbarer Weirdness. So kann's gehn. 

Darum, liebe Brüder, ein jeglicher Mensch sei schnell, zu hören, langsam aber, zu reden, und langsam zum Zorn. (Jak 1:19) Mit diesem guten Spruch lädt REVEREND RAYMOND BRANCH nicht nur die Kranken und Weggeschlossenen, seiner "Rainbow Gospel Hour" zu lauschen. 43 Jahre lang war der Frisör und Pastor der Heavenly Rainbow Baptist Church in South Los Angeles jede Sonntagnacht von 3 - 4 bei KTYM, Inglewood auf Sendung. On the Air! (#335, CD-R) bringt eine typische Stunde mit Aufrufen und Gospels zu Gitarre, Omnichord oder QChord, teils mit seinem Soulbrother Roland Payne. Es erklingen 'I’m Troubled', 'The Lord Will Make a Way Somehow', 'Step by Step', 'Milky White Way', 'I Want to Be Loved' und zuletzt die 'Ten Commandments of Maturity'. Dazwischen beschwört der Reverend den Glauben an den Glauben (Hebr 11) und zum Gottvertrauen (Psalm 27): Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollt ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? Nun, im Dunkeln und im Wald ist schon viel und viel umsonst gepfiffen worden. Weiter zu Psalm 23? Nicht doch. 

Montiert im LaubhuetteStudio Moonsun von ALFRED 23 HARTH aus 29 Facetten von teils weniger als 30, aber auch von über 240 Sekunden und sogar einer Passage von 6:40 erklingt auf Kepler 452b Edition (#336, CD-R) die 'Kepler Suite' als 'An allegory of life in an alien area'. Dass Mixmaster A23H damit nur seine koreanische zweite Heimat meint, wäre wohl zu kurz gegriffen. Die Soundstürme aus brausend beschleunigten und sausend überdrehten Spuren, aus flattrigen oder verzerrten Sounds, aus gestauchter Kotze aus Glotze oder Radio sowie aus dem Mashup geblasener, gepresster, getrappelter Töne und sogar aus durch diverse Vocoder gejagten Artikulationen bilden zusammen eine Xenophonie, die sich letzlich doch als der Noise und der Groove dieser Welt entschlüsselt. Mit Beschleunigung und Häufung unter fernöstlichen Vorzeichen aufgeschäumt als Overkill für die Sinne, stehen die Wonnen der Überforderung zur Debatte. Mittendrin auch kurz mit über-charlie-parkereskem Altosax, schnell aber wieder delirant zermulmt, verschliert, verhackstückt. Meist als sehr kleinteilige Bruitistik und erratisches Geschwirr, partiell aber auch mit noch erkenntlichen Gesangsfetzen oder Mundstückschmauchspuren. Dazu kommen rhythmisches Gepixel und Geklapper, brüchige Buddhamaschinenloops, Spieluhrklimbim, Loony-Tuning oder quäkige Katzenquälkakophonie. Letzlich aber immer wieder als die Herausforderung, sich diese Zumutung mit keplerschem Wagemut zuzutrauen, wobei allerhand groteske und saukomische Momente das 'Fremdeln' überspielen. 

Wenn zwei Gitarristen sich Broken Hands nennen, verrät das einiges. ANTHONY GUERRA ist einer davon. Er ist dazu auch einer der Vodka Sparrows und mit Antony Milton (von The Stumps) nannte er sich Paper Wings. Mit Black Petal betreibt er, dem zwischen Sydney, Tokyo, London oder Kawasaki nur schwer zu folgen ist, der in Antipan trommelt und bei Mysteries Of Love singt, ein eigenes Label. Dort ist 2011 erstmals Subtraction (#350, CD-R) erschienen, ein Guitar & Poetry-Meeting mit BILL SHUTE. Der Kendra Steiner Editor liest 'Marion, Texas', 'Deep Focus', 'Fourty-Four Harmonies', 'Kerrville, Texas', 'Marking Time' und 'Subtraction'. Shute bereist weiter seinen Heimatstaat, mit einem Auge wie Wim Wenders, mit einem Auge auch für den Mond.Nie übersieht er dabei die Habenichtse und streunenden Hunde. Die Gitarre plinkt dazu feindrahtig oder auch fernöstlich, zart und fast wie eine Harfe, wenn auch mal leicht verstimmt. Dass Shute dazu von Arbeits- und Obdachlosigkeit redet, von "idle holders of idle capital" und von Immigranten, verwundert, da man bei seinem träumerischen Vortrag solch kritische Nähe zum US-Alltag nicht vermutet. Aber auch: Gingerbread Men without appointments / sit on mahogany benches / waiting for time to start / or to stop. Shute sieht, denkt und fühlt mit verblüffend reicher Sprache, ohne lyrisch zu beschönigen oder ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Decisions made for us by puffy reptilian administrators trifft, was es zu treffen versucht. Umso gruseliger, dass Millionen seiner Landsleute dennoch ihr Heil von einem wild gewordenen Clown erwarten. An Shutes Gegenpol: No clocks, no cars... no need for locks on doors. Religionen und Parteien sind schon mit weniger und dümmerem Programm groß geworden. 

MASSIMO MAGEE ist in London auch schon mal in Rick Jensens Apocalypse Jazz Unit zu hören oder als Power Couple mit der Drummerin MiHee Kim. Music In 3 Spaces (#351, CD-R) bestreitet der Australier, der den Hörer mit den 26 CDs seiner "Collected Solos" gern mal überfordert, aber in seinem bevorzugten Format, solo, dafür dreidimensional. So bittet er um Aufmerksamkeit mit 'Concert' an Eb Clarinet, 'Living' an elektroakustischem Altosax, und 'Cyber' mit audiovisuell und digital ausgelesenem Sopraninosax. Magee macht nämlich auch Digital & Glitch Art, und er publizierte den antiutopischen Texttriptychon "Counter Culture - A Novel - In Three Parts". Eine Obsession für improvisatorische und klangliche Psychodramatik und die Wertschätzung für "On the Road", "Blood Meridian", "Infinite Jest" und "2666" zeichnen eine düstere Zukunft. Seine Konzerte sind dagegen Hirn-OPs ohne Betäubung, mit kakophonen Schnitten, zirkularen Wellen, Luftstößen und Klagelauten, je elektroakustischer und digitaler, desto stechender, perkussiver, schleifender, schleierhafter. 
                                                                                                                             
rbd in BA 91

Kendra Steiner Editions (San Antonio, TX)


Die sich da für Casual Luddites (#320, CD-R) zusammengetan haben, sind beides Wiederholungstäter auf KSE: der Gitarrist & Banjospieler TOM CREAN hat zuletzt "Wired Love" (#260) gezupft, MIKE BARRETT, einschlägig unter dem Namen Belltone Suicide, steuerte nach den "Non-Conformist Sessions" (#314) gerade erst "Wave Table Erotica" (#327) bei. Er ist ein großer Brodler, Prassler und Sprüher, während sein Partner pinke Dröhnwölkchen ans Firmament setzt, die er aus ganz gitarristischen Statements hervorgehen lässt. Im Wechsel dazu klampft er fröhlich Banjo, was im Zusammenklang mit einem R2-D2 mit Nervenzusammenbruch ziemlich schräg klingt. Überhaupt wird Kontrast groß geschrieben, wenn da der eine geschraubt röhrt, während der andre stur auf psychedelischem Parallelkurs bleibt. Andrerseits ist das Miteinander explizit Thema, neben Saigon, Hanoi und Cambodia, hindert aber nicht an getrennten Wegen oder Alleingängen. Barretts Spielzeugt zuckt und quiekt, knarzt und fiept, pumpt und gluckst, flattert und zwitschert wie unter den Fingern eines Flippercracks. Crean gibt sich sanft und cool oder, wieder mit dem Banjo, fernöstlich verzupft. Zu solcher Anarchie Art brut zu sagen, wäre freilich fartsy. 2015 war ein fleißiges Jahr für Marcus M. Rubio, der in Austin, TX, als MORE EAZE tolle Musiken macht. Mit "fine." für Drums & Pedal Steel Guitar und "(frail)" (mit Samples von Jim O'Rourke und Johannes Brahms!), jeweils als Kassette auf Full Spectrum Records bzw. Already Dead. Und mit einer ganzen Trilogie auf KSE, bestehend aus "Stylistic Deautomatization" (#293) und "Accidental Prizes" (#310), wobei ich jetzt erst Abandoning Finitude (#326, CD-R) mitbekomme. Aber damit endlich doch diesen außergewöhnlichen Komponisten, dessen Imagination ein Lotterbett für seltsame Bettgenossen ist und den KSE nicht umsonst als "the Van Dyke Parks of the noise- experimental music world" feiert. Man muss sich nur mal auf Bandcamp "(frail)" anhören: Musique concrète morpht von knistrig-granular zu ambient zu stürmisch brausend und liest unterweg eine American Primitive Guitar auf und Talkboxgesang eines Crooners wie Zapps Roger Troutman. Zu rubbeligem Vinyl gesellen sich elegische Strings und wieder souliger Schmus, zu Minimaltechnobeats und launigen Streichern beginnt ein intimer Popsong mit Hanna Campbells wunderbarer Altstimme usw. usw. Kurz, More Eaze erschafft "a music of infinite possibility". #326 hebt mit Loops einer besinnlichen Gitarre an, die sich kaskadierend und flirrend auflöst in einen Wirbel von Klangpartikeln. Plötzlich: Phantomchöre zu laschem Einhand- ticken. Und: Schnitt zu Ritualtamtam mit Handclapping und Telstar-Theremin. Über klopfendem Techno- und Tickelbeat wölken sich vage Vocoderstimmen, und: ein verklumpendes Streichquartett, und: der Lerchengesang einer Violine, gegen den die Katze die Krallen ausfährt (in Gestalt kratzender Geigen).Jetzt: eine Gitarre für einen Songwritersong wie von David Grubbs, gefolgt von huschenden Irritationen im Stereoraum, die in exzessivem Gitarrenfuror eskalieren. Quakende Noisepartikel wuseln erratisch umeinander, Synthisound brodelt, doch schon kehrt die faheyeske Gitarre wieder, gegen die jedoch Streicher anschrummeln, bis aus ostinatem Stakkato ein albern-simpler Orgelgroove entsteht, von Noisefraß gesprenkelt. Zu klackenden Sekunden schweifen Synthiklangwolken und himmlische Chöre. Den Schlusspunkt setzen Streicher und ein leicht verunklarter, dennoch süßer Song in Jim O'Rourke-Manier, über den sich aber saurer Regen wie aus Kübeln ergießt. Nicht ohne ein unverdrossenes allerletztes Gegenmotiv der Gitarre. More Eaze! More Eaze please! Liquid Sunshine (#328, CD-R) bringt vierhändige Percussion von LISA CAMERON & NATHAN BOWLES, beide mit einschlägigem Werkzeug inklusive Cymbals, dazu Kontaktmikrophonen seitens Cameron und Gongs und Bells bei Bowles. Es hebt an mit furiosem Schlaghagel über die Bleche, einem hochfrequent flackernden, flickernden, sirrenden Klangteppich, der die Ohren mitklingeln läst. Erst als das Thrashing transparenter wird, kommen auch holzige Schläge und dunkleres Rolling zur Geltung, bis zuletzt jeder einzelne Schlag zählt und die Gestik sich auf Schaben und Klacken fokusiert. Die beiden entfalten da emsig den üppigen Reichtum metalloider Nuancen, die Rhythmik ist dagegen am besten wohl mit 'wild' zu beschreiben. 'Rusty' ist ebenso ein zutreffendes Stichwort wie 'liquid'. Neben dem rappeligen Eifer vermittelt sich der große Spaß an klanglichen Finessen, die schrottige Möglichkeiten mit einschließen. '40 Days of Shrouded Demons' und 'Liquid Sunshine Redux' sind Livemitschnitte aus The Cellar in Blacksburg, VA. Die massive Dröhn- und Schlagkraft der beiden weist dem unverschämt geschwätzigen Publikum nur eine Nebenrolle zu. Cameron aka Dave Cameron oder Venison Whirled, genießt als das Unikum, das sie ist, ja schon einen gewissen Ruf, ihre Aktivitäten in Austins Undergroud, ob mit ST 37, The Rudy Schwartz Project oder Jandek, sind legendär. Ihr Partner in diesem manchmal Undercurriage genannten Duo hat mit der Steve Gunn Band, Pelt, den Black Twig Pickers oder der  Spiral Joy Band gespielt und könnte einem Cymbal selbst mit hinter dem Rücken gefesselten Armen Töne entlocken. Hier hört man die beiden unchained. Voilá! 

Wichtiger noch als das Zeichen, das KSE 10th Anniversary Album (#331, CD-R) setzt, ist das, wofür es steht: Die 330 seit dem 1.3.2006 von Bill Shute publizierten Gedichtbändchen und Tonträger, die eine mehrhundertköpfige KSE-Familie entstehen ließen, die wiederum die Aufmerksamkeit von Tausenden in der ganzen Welt auf sich zog. Shute hat diese Zwischenbilanz quasi schon auf den Punkt gebracht mit seinem Chapbook "Good To Do, Good To Have Done" (#329), das in einem billigen Hotel in Galveston County entstand, mit Madame Blavatskys "Die Stimme der Stille" im Ohr. Wobei "Inventing One's Own Land (#317) ebenso gut als Überschrift passen würde. 
Zumal "You build your own unique audience if you are doing unique work" die wohl wichtigste Erfahrung ist, die ihm diese Dekade einbrachte. Wie also einen Mann nicht beglückwünschen, der von sich sagen kann: "When I was a teenager in high school back in the mid-70’s, I was carrying around LP’s by Alfred 23 Harth, Captain Beefheart, Anthony Braxton, Faust, John Cage, Kim Fowley, The Spontaneous Music Ensemble, and the like, and I still am today! My core has not changed, but my scope has enlarged and grown exponentially." Einen Mann, der Hotelzimmer, statt mit Bibeln, lieber mit Gedichtbänden von Pablo Neruda ausstatten würde. Einen Mann, der dringend rät: "If you compete with anyone, compete with the greats in your own pantheon of greatness, NOT with your contemporaries, and create create create." Die dazu die Zeichen setzen, sind ERNESTO DIAZ-INFANTE mit seiner Gitarre; BRENT FARISS, ein offenbar mit If, Bwana geistesverwandter Dröhnminimalist aus Austin; die von dort nach Ithaca, NY wie vom Regen in die Traufe umgezogene Perkussionistin SARAH HENNIES; MATT KREFTING aus Easthampton, der mit Scott Foust in Dead Girl's Party und Idea Fire Company gespielt hat;  der umtriebige Eric Hardiman aka RAMBUTAN in Albany; der sopraninoschrille MASSIMO MAGEE; die postraffaelitische VANESSA ROSSETTO, die einen auf elysische Felder entführt; Ex-The Shadow Ring-Gitarrist und Kye-Labelmacher GRAHAM LAMBKIN mit unheimlichem Geflüster; der ebenfalls texanische Soundscaper DEREK ROGERS, der sich auf sonore Wellen einschwingt; und nicht zuletzt ALFRED 23 HARTH, der mit 'Kepler 452-B' gleich mal einen eventuell habitablen Kandidaten für Terra-Migranten begrüßt. 
                                                                                                                             
Rigo Dittmann in BA 89

LIFE IS A LIQUID DROP BY DROP

HOPE beim Jazz Festival Frankfurt 31.10.2015

Stellen wir uns den hr-Sendesaal in Frankfurt als Pandoras Büchse vor und das 46. Deutsche Jazzfestival, das dort am 29.-31.10.2015 über die Bühne ging, als Gelegenheit für allerhand "good noodling" und "bad noodling" (O-Ton Zappa). Uns zwei Würzburger Freakmäuse interessierte da hauptsächlich das, was übrig blieb, als alle Übel aus der Büche waren - HOPE, die Hoffnung. Vor diesem Update von Cassiber, als das Alfred 23 Harth und Chris Cutler zusammen mit Kazuhisa Uchihashi und Mitsuru Nasuno angekündigt waren, gab es mit "Jazz from Hell" den Versuch des amerikanischen Keyboarders und Arrangeurs Mike Holober, ausgerechnet mit Frank Zappa als Duftbäumchen gegen den Mief anzustinken, der nun mal Jazzerei wie die der HR-Bigband umgibt. Mit dem 'Hot Rats/Grand Wazoo'-Orchestra als Legitimation, wird quasi insinuiert, dass Zappas Ambitionen sich, seinem Lästermaul zum Trotz, sogar besonders gut mit einer Jazzband realisieren lassen. Aber warum sich mit seinem anarchischen Witz und wilden Stil-Mix rühmen, um einige seiner Ohrwürmer und schmissigen Inventionen dann doch bloß, abgesehen von einigen keyboardistischen Finessen, die das Zappa-typische Vibraphon anklingen lassen, und einem Klarinettensolo mit Delaywizardry, als schlappe Nudeln zu servieren? Wir lassen's uns gefallen mit dem Hintergedanken, dass selbst schlapper Zappa eine Klientel von Kultur-Posern, die am liebsten nur fressen was sie kennen, ein wenig zappafizieren könnte. Andere nennen diese "genormte Wohlfühlpaket für unsere Bildungsbürger" freiweg eine "schwülstige, weichgekochte Zumutung" (O-Ton Gropi).

Zwei Tage zuvor hatten Michael Mantler und Christoph Cech ebenfalls für die HR-Bigband jenes "Jazz Composer's Orchestra Update" adaptiert, das die beiden 2013 mit der Nouvelle Cuisine Big Band in Wien bewerkstelligt hatten, wieder mit dem radio.string.quartet.vienna, David Helbock am Piano und Bjarne Roupé an der Gitarre, sowie nun auch dem HR-Haus-Saxophonisten Tony Lakatos und Peter Brötzmann als Solisten, auf die das Fantasieren übertragen wurde, das 1968 bei Mantlers wegweisender Hochzeit von Third Stream und Free Jazz so denkwürdig von Cecil Taylor, Roswell Rudd und Larry Coryell (um wenigstens drei zu nennen) verwirklicht worden war.

Ich bin da, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, zwischendurch etwas nach Schlummerland abgedriftet, bevor Brötzmann, lyrisch intensiv, wie man ihn kennt, meine Lebensgeister wieder fokusierte. Ich erwähne das vor allem wegen des Stichworts 'Update' im Hinblick auf HOPE, die Cassibers Konzept eines "instant composing" (O-Ton A23H) "unter den Bedingungen der Gegenwart noch einmal auf den Prüfstand stellen" (O-Ton Programmheft). Während der gute Mantler nämlich den improvisatorischen Spielraum zugunsten des Kompositorischen einschränkte, muten und trauen Harth & Co. sich und den Zuhörern allein schon in diesem Punkt Cassiber-getreu die Unwägbarkeiten einer 'gewagten Musik' zu. Was sich als Feldversuch erweist für den Slogan: Sind sie zu stark, bist du zu schwach. So manche von denen, die gerade noch beim Mark Turner Quartet mit seinem haarigen Trompetenschmus und gepflegten Reminiszensen an den coolen Tenorsaxophonisten Warne Marsh die Warnung Langeweile kann tödlich sein bedenkenlos überklatschten, suchen peu à peu das Weite. Da sind sie in Frankfurt nicht weniger konventionell und provinziell als in Würzburg. Denn HOPE offeriert nichts weniger als ein "magisches" Konzert (O- Ton meines Stuhlnachbarn), womit ein magisch gemeint ist wie in "Magischer Realismus" (O-Ton Gropi). Nasuno stoisch mit subtilen Basseffekten und überraschenden Klangschüben, Uchihashi als verschmitzter Irrwisch mit einer erstaunlichen Fülle an Daxophon- & Gitarrentricks, dazu Cutler einzigartig mit seinen typischen luftigen Schlägen mit rotgebänderten Stöcken oder mit Schlägeln, aber auch vielen feinen perkussiven Finessen, und A23H im vielfältigen Wechsel zwischen Bassklarinette, Posaune, Pocket-Trumpet, Tenorsax, Trillerpfeife und Taepyeongso sowie mit einem Füllhorn an Samples per Laptop, Kaoss Pad, CD Scratcher und Effektgeräten. Ihre Musik, die sie nicht als Folge von Stücken gestalten, sondern als beständigen Flow, tastet sich so voran wie Wasser sich den Weg bahnt. Immer unberechenbar, mit wechselnden Strudeln, momentanen Verlangsamungen und dann doch wieder Durchbrüchen an unvermuteter Stelle. Wenn A23H 'O Cure Me' anstimmt in der deutschen und der englischen Version, wenn das pulsierende Intro dazu leitmotivisch wiederkehrt oder wenn kurz 'I tried to reach You' anklingt, knüpft das direkt an Cassiber an. Der Duktus ist aber durchwegs dem des eponymosen 'Man or Monkey' recht nahe und all den wenig bis gar nicht vorgeformten Passagen, die Cassibers beachtlichstes Erbteil sind, auch wenn sie sich vielleicht nicht so ins Gedächtnis geprägt haben wie ihre 'Hits'. Zwischen damals (1982) und heute scheinen weniger Jahrzehnte zu liegen als der Kalender und alle Spiegel behaupten. Die beiden schieberbemützten Japaner sind eine geglückte Konsequenz aus Harths biografischer Verrückung nach Fernost und der Tatsache, dass Cassiber 1992 in Tokyo ihr Testament hinterlegten, wo sie auch in Otomo Yoshihide (in dessen Ground-Zero Uchihashi und Nasuno    mitgemischt haben) einen optimalen Nachlassverwalter fanden. Hier und heute sind Marschtrommel und Pauke (und den Deklamationen von Christoph Anders) erweitert mit noch mehr Feinheiten, Schichtungen und Zwischentönen. Der kleine Abstecher ins Märchenland, wo A23H mit Koboldstimme singt, ist nur ein Beispiel für Süffisanz. Aber sogar Uchihashi als der große Unruhestifter, der da seine Daxzungen streicht und klopft und eifrigst an Knöpfchen dreht, streut zugleich die zarteste Gitarrenpoesie ein. Und A23H, der seine kleine koreanische Oboe in der Bühnenmitte bläst, auf dem Tenor 'At last I'm free' anstimmt oder Poetry liest, die im Satz "Live is a liquid, drop by drop" gipfelt, kann man als Lyriker eh nichts vormachen. Solange es eine derart "verstörende" (O-Ton FAZ, FR...) "moderne Interpretation des Unsäglichen" (O-Ton Gropi) gibt, hat gediegenes Mittelmaß nicht das letzte Wort. Bleibt zu hoffen, dass es auch nach Peter Kempers Abgang so bleibt und sich im luxuriösen Rahmen des HR weiterhin das Allgemeine mit derart Besonderem paart.

Rigobert Dittmann in Bad Alchemy 88

ALFRED 23 HARTH - JOHN BELL Camellia (Kendra Steiner Editions #318, CD-R)

Zwei Kamelienherren im Miteinander von Dumas & Tagore, von 'Tea & Oil', von 'Gugak Fake & Love'. Vor allem aber ist es Sopransax (plus koreanische Tröter, Posaune und Percussion) seitens Harth, & Vibraphon (plus Tenorhorn und Buktrommel) seitens seines neuseeländischen Partners, den er nach einer gemeinsamen Tour an Koreas Südküste in sein Laubhüttenstudio gebeten hat. Bell, der aus Auckland kommt, ist keineswegs ein Nobody. Er hat mit Klunk 'Metallic', seinem Trio Spirals, Spoilers Of Utopia, Circling Sun oder dem Modern Jazz Q4tet seine Originalität gezeigt, auch wenn das, weil antipodisch, hinter dem Horizont blieb. Vielleicht mit einem Hobbit als Attraktion? Aber nun hat er ja Mr. 23 an der Seite, und teilt mit ihm eine Vorliebe für Peace & Entschleunigung. Fast nicht zu glauben, dass Bell kein Künstlername ist, so glockig wie er da klöppelt. Ältere Harth-Stücke von "eShip Sum" und mit dem Trio Viriditas und richtig alte von "This Earth!" und mit dem Saxophonorchester Frankfurt geben Gelegenheit, sich enorm lyrisch zu zeigen. Mit glasperlenspielerisch umtüpfelten Sopranostrichen oder -klecksen, die Harth ins Blau kalligrafiert. Wobei die Innigkeit des Ausdrucks quasi verlangt, dass der Strich nicht glatt und sauber ausgeführt wird. 'Transitoriness' ist dazwischen ein Ohrenzupfer als von Entenquak verunklarte Blasmusik. Atem und Spucke sind immer mit im Spiel. Dem nostalgischen 'La Place Où se Cachent Le Mot Oublié' folgt rasantes Geklimper wie 'Colors & Ornaments' und 'Rust & Petals'. Harth wird, keckernd und tutend, indem er hornissig durchs Taepyeongso surrt oder mit dem Piri den Mond aufbläst, immer wieder zur westöstlichen Hydra. Auch das gedehnte Lullaby 'Ending Peace Cloud' wird umgehend mit dem superquicken 'Brüche & Scherben' aufgekratzt konterkariert. Worauf wieder ein Stück mit geschliffenem Schwebklang wie von Glasharmonika folgt, während draußen Regen plätschert. Bei 'Starbucks' kommt beides, Harmonie und Dissonanz, zusammen, wenn schrottig geratschte Percussion die getragene Poesie durchzuckt. Auf den letzten zwei Minuten hüllt sich zartbittere Hymnik so sehr in Hall, dass die Laubhütte zum Kristallpalast wird.

[BA 88 rbd]

Confucius Tarif Reduit


JÖRG FISCHER spielte auch das Zünglein an der Waage und einiges mehr, als ALFRED 23 HARTH und MARCEL DAEMGEN sich Ende November 2014 wiederbegegneten und darüber austauschten, wie das 'Lebben' so gespielt hat seit ihren gemeinsamen Jahren in Imperial Hoot. Harth hatte für Confucius Tarif Reduit (sporeprint 1508-05) Reeds, Pocket Trumpet, Dojirak und den Geist des Dichters Li Bai um sich, Daemgen hantierte mit Electronics & Synthesizer, mit Arbeits-Ethos all inclusive. Neben Duchamp-Spirit gab's in der Hausbar auch Feuerwasser und Rübensaft, um die elektroakustische Symbiose zu fördern. Daemgen schraubt und korgt, bis es knarzt und spotzt, wölkt traumhafte Synthie­wolken, wellt surrende Wellen, lässt einen brausenden 'Hymnus' auf Sankt Feedback ertönen und gelegentlich sogar Beats kaskadieren. Fischer katert und murrt über Fell und Blech, klimbimt, sirrt, trapst mit Filzpantoffeln, drischt eisenhaltiges Bohnenstroh. Und Harth? Harth tutet einem die Tasche voll, köchelt heiße Luft auf Spucke, klappert mit den Klappen, keckert sopranistisch, kaut an Rossschweif und schlürft Bürsten-Borschtsch, er schmust tenoristisch und flötet allerlyrischst, mit raspeliger Echsenzunge oder auch mit gespaltener (in Kirk-Chekasin-Manier?). Und er wirft mehr oder weniger spontane Lyrik ein wie "Haha, die Bodenhaftung, mein Lieber..." oder "Hufeisen sind out". Bei 'The Asteroid Are We' und 'The Art of Explaining Art' ist bläserische Virtuosität Trumpf. Und obwohl sich Harth monoton für 'Kostenloses Vergessen' stark macht, erinnert er doch auch an den Totschlag an der Studentin Tuğçe Albayrak. You can burn Dada, but no one can burn Dada Bhagwan. 

[BA 87 rbd]

GIFT FIG: ALFRED 23 HARTH / CARL STONE Stellenbosch (Kendra Steiner Editions #298, CD-R)

Mit der Eichel aus dem Stadtwappen wird in Stellenbosch die Post gestempelt. Der Musik, die am 16.9.2014 in der Fismer Hall der dortigen Universität entstand, drücken zu Beginn Harths eindringliche Reeds den Stempel auf, dazu asiatische Frauen- und Babystimmen, die Stone verhackstückt, so dass sich gezogene mit flattrigen Klängen mischen. Das zweite Duett ist gleich durch Laptop, Kaoss Pad und zur Unkenntlichkeit verdünnte Samples bestimmt, die beidseitigen Schnipsel häufen sich, auch Stimmen geistern wieder zwischen elektroperkussiven Krakeln und Delayschnörkeln, eine Pipa gerät mit in den Strudel. Harths Saxophon kirrt wie eine Affenmutter, die eine Cheetah wittert. Der Klangstrom schleift und malt und wirft dabei Späne ab. Mit solchen zuckenden, kleinen Kaskaden hebt 'Overberg' an, Laute verschwinden in Luftlöchern und einem trägen Mahlstrom, der sprudelnd Pianogeklimper und Fetzen einer Männerstimme verrührt oder knarrend verlangsamt. Ein schriller Pfeifton pulsiert drüber weg, etwas Zitherähnliches federt, Harth bläst spuckig und elegisch. Gezogene Sirenenwellen und immer wieder Loops erzeugen Schichtungen und eine, wenn man das so sagen kann, undurchsichtige Durchlässigkeit. Mit Fetzen einer chinesischen Oper ist man dann schon bei 'Klein Karoo', wieder auch mit Stimm- und Pianofitzeln und einer Saxophonimpro­visation mit viel Feeling und Intensität wie schon ganz am Anfang bei 'Constantia', wobei sich das Saxophon jetzt aufspaltet zu rückwärts oder sonstwie eierndem, balladesk flötendem Frauen­gesang. Alles mischt und mengt sich und fließt halluzinatorisch durch einen durch, mit fernöstlichen Anmutungen marmorisiert. Die seltsam verunklarte Strömung und die Tempo­schwankungen lassen einen taumeln und schwimmen und staunen wie bei einer Peepshow in Hieronymus Boschs Lustgarten (die musikalische Hölle droht hier jedenfalls nicht).

[BA 86 rbd]

ALFRED 23 HARTH / WOLFGANG SEIDEL Five Eyes (Moloko Plus 078)

Alfred 23 als Labelpartner von Herbst In Peking, R. Stevie Moore, Column One? Wie das? Ach, da ließ der Widerstandsbewahrer Wolf Pehlke (1955-2013), Harths Brieffreund aus Sweet Paris-Tagen, der auch den Cover-Hummer lieferte, noch aus dem Jenseits seine Beziehungen spielen. Harths Partner hier einen Berliner Grafiker und Musiker zu nennen, wäre arges Understatement. Seidel hat auf der ersten Platte von Ton Steine Scherben getrommelt, fand deren Entwicklung dann aber so unspannend, dass er lieber mit Conrad Schnitzler weiter experimentierte, der seinerseits Tangerine Dream nicht mehr so prickelnd fand. Er sendete Klopfzeichen mit Kluster, sah mit Schnitzler schwarz, schlug (als Populäre Mechanik) die Weißen mit dem gelben Keil und kam dabei zum Spitznamen Sequenza. Harth und Seidel sind beide Jahrgang 1949 und gehören damit zu den 68ern, die von selbstgefälligen Moralaposteln nur zu gern als historische Irrläufer anschmiert werden. Schnitzler ist ein zweites Bindeglied, Beuys auf zumindest indirekte Weise ein drittes. In Schnitzlers Zodiak Free Arts Lab sind die beiden sich anno Steinschlag erstmals begegnet, jeder auf seine Weise interessiert an den Segnungen eines Dilettantismus, bei dem das Spielerische und Jedermenschliche das Herzstück bildet. 1983 kreuzten sich ihre Wege erneut. Exzerpte davon landeten auf Harths multimedialem Tagebuch Sweet Paris (1990). Es folgten für beide vehemente Orts-/ Zeitverschiebungen, Harth gen Seoul, Seidel in einem umgekrempelten Berlin. Aus der einstigen Selbstermächtigung wider die disziplinargesellschaftlichen und unterhaltungsindustriellen Zwänge ist ein, wie Seidel es nennt, bloßes Selbstunternehmertum in einem dog-eats-dog Kapitalismus ... in einer immer perfekteren Kontroll[...] maschine geworden. Geblieben seien, und wie gerne stimme ich dem zu, die Richtschnur 'Keine Macht für niemand' und die Praxis einer 'Herrschaftsfreien Musik' unter Gleichgesinnten. Zumindest hallt in 'Co-Traveller' ein bisschen was vom einstigen Fellow-Travellertum nach. Five Eyes und allen anderen nach Spy-Software benannten Titel nehmen Bezug auf den britisch-amerikanischen Geheimdienstverbund und geben Seidel Gelegenheit, seine Aversionen gegen deutsche Doppelstandards zu artikulieren. Während die Secret Services ihre trojanischen Pferde immerhin auch mit Jazz, Pollock, Rothko, LSD und poppigen Geheimbotschaften bestückten, klapperten in den deutschen Diensten steife Amtsschimmel und die Bocksbeine eines Dr. Mabuse. Ob allerdings 'Fives Eyes' als Tag ausreicht, um im Fadenkreuz einer nach nestbeschmutzenden Gedanken spähenden Software als harmloses Blinzeln zu erscheinen? Wobei Harmlosigkeit wohl auch schon unter Generalverdacht steht. Aber stürzen wir uns doch endlich in die in monatelangem Hin und Her montierten Clashes der beiden, ihre elektroakustischen Verwirbelungen, durch die Harths Saxophon und Posaune und die zungenredende Stimme von Nicole van den Plas geistern. Nicht nur durch 'Heartbleed' pulsiert Herzblut. Zu 'Tempora' darf man sich ein 'O mores' zwar denken, man kann es bei aller trauerflorigen Gedämpftheit des Bläsertons aber auch lassen. Die Stücke sind über jeden Nostalgieverdacht erhaben, in die jetztzeitigen Beats ist allenfalls mal eine psychedelisch freakende Vokalisation eingemischt, die an krautige Zeiten anknüpft, aber genau so gut auch jüngerer Weirdness sich verdanken könnte. Wir strudeln hier im heraklitschen Flow einer Sonic Fiction mit hohem Rauschfaktor, in einer surrealen Zentrifuge, Stichwort 'Turbine', die Beats und Klangpartikel schleudert und dabei auch Bill Shute loopt, der einen Zahlentext repetiert. Es gibt da eine faszinierende Insichspannung aus der pulsierenden, flickernden, schrotenden Rasanz und einer mundgemalten Melancholie. 'Anticrisis Girl' wird mitbestimmt von schamanischer Glossolalie, Harth lässt auf einem Orgelfond einen Chor von Nebelhörnern erschallen und schwenkt dazu eine flackernde Fackel. Aber jetzt bloß keine romantischen Vorstellungen, hier herrschen urbanes Tempo und der Overkill multipler Datenströme, die in alarmierendem Getriller und turbulenten Klangfetzen widerhallen. 'Man-On-The- Side' bringt zuletzt zu einem stoischen NEU-Beat Harthschen Singsang und Tenorsaxtristesse mit zartbitter belegter Zunge, der Anflug von Golden-Oldieness wird jedoch gleich wieder verhackstückt. Das glaub ich gern, dass das unsern Männern in Seoul und in Berlin Spaß gemacht hat.

[rbd BA 84] 

I see that paradise depends upon the work of ... LINDSAY COOPER (1951-2013)


Es kann nicht viele unter uns geben, die nicht berührt wurden von den Celebrations, die Chris Cutler im Andenken an Lindsay Cooper organisiert hat vor 1700 RIO-Aficionados im Londoner Barbican, vollem Haus in Huddersfield und etwa 700 in Forli (21.-23.11.2014). Einige sind ja sogar dabei gewesen, als Dagmar Krause, Tim Hodgkinson, Fred Frith, John Greaves, Chris Cutler, Michel Berckmans, Anne-Marie Roelofs, Zeena Parkins, Phil Minton, Sally Potter, Veryan Weston und Alfred Harth (w/ outstanding Teu- tonic Free Jazz noodling) Coopers Musik im Prisma von Henry Cow, News From Babel, Music for Films und Oh Moscow wiedererklingen ließen. Oh verfluchte Sterblichkeit, aber was für eine Geisterbeschwörung. Mit Berckmans, Harth und Hodgkinson als würdigen Stellvertretern, Parkins an einer Konzertharfe, Minton, der wohl selbst auf seiner eigenen Beerdigung noch aus dem Sarg springen würde, und der immer noch so phänomenalen Stimme von Dagmar Krause. Und mit Cutler als asketischem Energiebündel, das wie in alten Zeiten wirbelt und Lindsay Coopers Musik Flügel verleiht, Musik, bei der es zwischen 11/8 und 13/8 und 4/4 dann 5/4 und wieder 9/8 abzuzählen gilt und die sich anders rundet als nach Kindchenschema. Die Wackelbildchen davon auf Youtube werden durch meinen Tränenfilm noch etwas unschärfer.
Aber da gibt es ja auch noch Rarities (ReR Megacorp, ReR LC2/3, 2 x CD), ein von Chris Cutler und Udi Koomran zusammengestelltes Wiederhören mit auf raren Kassetten, 7" und Compilations verstreuter Musik der Frau, die zwar nicht die Patin, aber einer der Zündfunken für Bad Alchemy gewesen ist und nicht zufällig in ihrer femininen Souveränität Cover-'Girl' der # 2. Sally Potter erinnert im Booklet an die lesbischen und feministischen Webfäden in Coopers musikalischer Tapisserie. Tim Hodgkinson verrät, dass sie für Henry Cow eigentlich überqualifiziert war. David Thomas erinnert sie als tough genug, selbst ein Rattenloch in Madrid mit Fassung zu ertragen. Und Kate West- brook erinnert die glücklichen Tage on tour mit Westbrooks Rossini. Im ersten Teil erklingen ihre Theater-, TV- und Filmmusiken zu The Execution, Green Flutes, Domestic Bliss, With Our Children, Das nächste Jahrhundert wird unseres sein und Wir wollen lieber fliegen als kriechen, eingespielt zwischen 1979 und '87. Es ist das ein Füllhorn Cooperscher Tänzchen, Märschchen, Liedchen und Leitmotive mit den Stimmen von Krause, Maggie Nicols, Kate Westbrook und Celia Gore Booth. Und natürlich mit ihrem unerhörten Fagottsound und ohrwurmigen Sopraninokitzel, untermischt mit Singender Säge, Tenorhorn und eigenartig wehmütigen Tönen, die den Zauber erst vollkommen machen. Dazu kommen 5 Min. aus ihrem Concerto Per Sax Sopranino e Archi vom Angelica-Festival '92 mit hinreißendem Sopranino zu holzig geklopfter und von den Strings gepflückter Percussion. Auf Teil 2 spielen Cooper, Minton und Georgie Born eine 'Song of the Shirt'-Suite; Sally Potter singt mit der seltenen Untermalung von Conny Bauers Posaune, und Robert Wyatt mit 'In the Dark Year' eine Klage für die von Thatcher exterminierten Bergarbeiter 1984; in Höchstform waren David Thomas als Archaeopteryx- Spezialisten und Cooper als The Pedestrians im Hirschwirt in Erding. Unveröffentlicht war bisher 'Piano Roulette', wo Lindsay demonstriert, dass sie auch als Pianistin ganz Erstaunliches auf dem Kasten hatte. Und auch die 33 Min. des Trio Trabant live in Strasbourg 1991 sind eine Ausgrabung, aus dem Fundus von Alfred Harth. Ihre Begegnung im März '87 für die Musiken zu den TV-Filmen von Claudia von Allemann blieb keine Eintagsfliege. Dem Cooper-Harthschen Tête-à-tête auf dessen Plan Eden folgte eine Gegeneinladung zu Oh Moscow und dann eben ihr ebenso lyrisches wie bizarres Trio mit Minton als kreischende Elster. Da zeigt sich noch einmal kaleidoskopisch ihre improvisatorische Abenteuerlust und ja sogar elektrifizierte Virtuosität, die sie zusammen mit ihrer kompositorischen Stimme so unvergesslich machen.

[rbd BA 84]

Alfred 23 Harth

Indem er dem Päckchen aus Fernost eine Kopie der Recout-CD-R atmosfähre fast gut (Recout 0001) bei­fügte, die seine 1991 zusammen mit Peter Fey als SETI IM CLUB unternommene Ex-DDR-Tour dokumentiert, schickt A23H mich zurück in die Widersprüche jener Zeit: Den Katzenjammer am alternativlosen Ende der Geschichte, das Abwickeln von Ballast und von Idealen, den langen Marsch ins Prekariat. Wobei die Abgewickel­ten, die im Stau Marschierenden, sich immer weniger und immer schwieriger konfrontieren ließen mit avan­cierter Sonic Fiction, die in ihrer Suche nach Intelligenz und dem Wunderbaren abhob mit Warpantrieb, mit P. D. Ouspensky, Jürgen Ploog, W. S. Burroughs und Wilhelm Reich an Bord und voller Vertrauen in die Selbstheil­kräfte organischer Konstruktionen. Damals meinte 'Osten' gerade mal Leipzig (und selbst das konnten Harth & Fey nicht rechtzeitig erreichen).

Harth kam zwar ganz schön rum, mit dem Trio Trabant a Roma oder dem QuasarQuartet, Zentrum seiner Aktivitäten in den 1990ern war jedoch Frankfurt/M., wo er 1993 zusam­men mit Christoph Korn das Forum Improvisierender Musiker alias Frankfurts Indetermi­nables Musiqwesen (FIM) initiierte, das man sich in Analogie zu Zürichs Werkstatt für im­provisierte Musik (WIM) vorstellen darf. Als Schallfenster kam das CD-R-Label RECOUT dazu, das einige der kollektiven Leistungen der FIMler dokumentierte. So etwa als Par­cour bleu a deux: Die kainitische Stadt über Abels Gebeinen (Recout 0003) Harths Nord­amerikatrip 1992 mit Heinz Sauer, mit dem er anlässlich der Kunstausstellung "2324 Fu" im Dominikanerkloster FFM zusammengefunden hatte. Im STERN4TET spielte Harth mit Daniel Franke, Micha Daniels und dem Drummer Bertram Ritter (Recout 0002 & Rent Art Quest, Recout 0013). Als IMPERIAL HOT tat er sich mit Korn und Ritter zusammen, einge­fangen als Hot Deals (Recout 0005). Mit Harry Petersen, Martin Lejeune & Bülent Ates formierte er HALE PEAT resp. PALE HEAT, während die Geschichte mit Korn weiterging in IMPERIAL HOOT, einem durch Sounds von Marcel Daemgen & Günter Bozem an den Drums vervollständigten 4tet, dokumentiert auf Trialectrique (Recout 0008), Tribology (Recout 0009, 1998) und secrets of developement (Blue Noises, 1999). Harths Fin de Siècle wur­de schon in BA 60 gestreift, die Recout Com. Ah My Stick frischt aber noch einmal Erin­nerungen an das Geleistete auf. Mit Hörbeispielen der genannten Projekte plus Exzerpten von Harths Pollock (Orkestrion Schallfolien, 1997), von seinem Solo Contury Cheiron, von modern post (Recout 0006, 1997) mit dem Duo mit Wolfgang Stryi (1957 - 2005), der 23 Jahre lang (Kontra)-Bassklarinette im Ensemble Modern blies, und mit der 'Cassini-Suite' aus Alfred Harth's Die Flyby No Net plays CASSINI (Recout 0010, 1998). Was da ästhe­tisch der Post-Fusion nahe stand, durch Korns Gitarre auf gesalzene Weise, peilte - wie die Stichwörter Stern, extraterrestrische Intelligenz und Cassini-[Huygens] (ein 1997 gestarteter Kiebitz zu Saturn und Titan) andeuten - zugleich elektronische Cyberspaces an, allerdings ohne erkennbare Schnittmenge mit den zeitgleichen, nämlich ebenfalls ab 1993 in Frankfurt praktizierten elektronischen Deterritorialisierungen von Mille Plateaux. Harths 'Vitriol' (auf Contury Cheiron) - alchemistisch entschlüsselbar als "Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem” - ist eine Zwischenstufe hin zu seinen künftigen Laubhuetten-Mixturen, noch mit einem hohen Anteil an Free Jazz. Cheiron als Pate zu wählen, den Kentauren, der seine Unsterblichkeit an Prometheus weitergab, ver­rät das bewusste Faible für Mischformen und nahm bei Imperial Hot/Hoot die chimären­hafte Gestalt von 'Jazzcore' an. Korn & Daemgen setzten ihre gute Arbeit fort als ARBEIT, eine Dekade später tauchte Korn dann ziemlich unvermutet bei edition Wandelweiser auf, mit dem stillen Lobgesang Simeon (2013).


Anno 2000 wechselte Harth nach New York, hielt es dort aber nicht lang aus.
Ab 2001 spielte sich das Leben von Secret Agent 23 ganz im Fernen Osten ab - Seoul wurde zum neuen Lebensmittelpunkt und Ausgangspunkt ganz neuer Kontakte. Ein intensiver Input entwickelte sich zu 'Bulgasari', einer nach einem nordkoreanischen Monstertrashfilm getauften Initiative des Gitarristen Yukie Sato, der erst heuer wieder mit Harth zugange war, als sie auf der Japan-Tour von You Me & Us an der Seite von Chris Cutler & Yumi Hara für den erkrankten Daevid Allen einsprangen. Die 'Bulgasari'-Connection ist dokumentiert auf der Bulgasari Special Compilation, aufBulgasari 2-4 featuring Ensemble Naeil und auf Bulgasari 2003 0-7. Darauf zu hören sind ebenfalls das Ensemble Naeil mit Harth, Choi Sun Bae, Kim Gyu Hyoung an der Puk-Trommel und Kim Eun-Young an der zweisaitigen Haegeum mit west-östlicher NowJazz-Bizarrerie. Bae spielt zudem solo bei 'No War' einen Chor kaskadierender Trompeten. Dazu kommen das Seoul Frequency Quartet, das zur Hälfte aus dem Astronoise-Duo von Choi Joonyong & Hong Chulki bestand, mit einer Version von Steve Reichs Phasen­kanon 'Come Out', Rush Film, ein hochgradig elektroakustisches Quartett mit Harth und Sato Yukie, und 3C3, ein Bläser-Trio mit Harth, Bae und Joe Foster, einem Kalifornier, der ebenfalls in Seoul ein neues Zuhause gefunden hat, als rumorendem Spaßmacher, der auch im Duo mit Harth die Seouler Girls zum Kichern bringt. Auf 'Bulgasari' folgte 2005 das von Ryu Hankil organisierte 'Relay' als multimediale Spielplattform mit Manual als angegliedertem Label. Daraus ging 2008 dann Jin Sangtaes 'Dotolim' hervor, wiederum mit einer Reihe von mittlerweile 60 Konzerten in intimem Rahmen und seit 2012 sogar mit einem dotolimpic-Festival mit internationalen Attraktionen. Wie anschlussfähig die Seouler Szene längst ist, hatte sich schon 2006 gezeigt beim Elektroturnier von Hong Chulki, Choi Joonyong, Ryu Hankil, Jin Sangtae und Sato Yukie mit den Schweizer Signal To Noise-Machern Korber, Möslang, Müller & Kahn (signal to noise vol. 6, FOR4EARS). Mein Fazit dazu schon in BA 59: Der Homo ludens streut sich als Sand ins Getriebe des puren Konsumismus. Die Zeiten, auf den Fernen Osten noch irgendeinen Exotismus zu projezieren, sind - Dudelsack hin, Haegeum her - vorbei. Die elektroakustische Internationale zeigt das eigentliche Potential der Globalisierung und des elektronischen Furors auf. Aber bei jedem Ton, den sie piepst, wispert das Echo: "Alibaba ... aba ... aba ...".

Die China Collection (Kendra Steiner Editions, KSE #275, CD-R) bringt uns ent­sprechend in die Gegenwart der Jahre 2011 - 14. A23H tändelt da mit der Buddha-Maschine, wobei der motorisch und bruitistisch furiose Mensch-Maschinen-Loop 'Invocation Orhk', sein ursprünglicher Beitrag zur Lona-Records-MP3-Kompila­tion Tribute to FM3: Buddha Machine4 Vol.2, hier in einer turntablistisch an­ge­reicherten Version erklingt. Umrahmt von den kurzen Samplingkompositionen und Brainstormings 'Simulator 3' (für Streichquartett), 'Stop Finning' und 'Fin Noir' hört man A23H 'Live in Shanghai' beim krachigen Knattern und Jaulen mit dem Shanghai Quintet. Kaum zu glauben, dass da Bassklarinette, Taschen­trompete, Altosax, Klarinette, Gitarre und Schlagzeug im Einsatz sind. 'Shark Without Fin' entstand zusammen mit Alok Leung, Sherman Ho & Sin:Ned aus Hongkong und ist nicht weniger xenoglott und cybertechnoid. Harth mischt sich da alles andere als alteuropäisch ein, das Finale gestaltet sich dennoch ent­schleunigt und schwebend. Sein 'Peking Opera Remix III' mischt aus dem Goeb­bels-Harth-Original und der Ground-Zero-Version ein plunder­pho­nisches Update und quintessentielles Alles-in-allem aus fernöstlich turbulentem Slapstick und Harthscher Vielschichtigkeit. Mehr Kladderadatsch, mehr Augenhöhe mit der Aktualität, mehr Vorgriff auf Künftiges geht kaum. Tomorrow is no question. Die Gegenwart dauert drei Sekunden.

[BA 83 rbd]

HARTH - KOWALD Region 2 for seconds (Laubhuette Production, LPM44)



Sich Alfred 23 Harths Fotostream auf flickr anzuschauen, ist zum schwindlig werden. Die Namen seiner künstlerischen Partner würden allein schon ein dickes Telefonbuch füllen. In seine späte Frankfurter Phase, als er etwa mit Imperial Hot / Hoot oder Uwe Oberg musizierte und bei Recout und Blue Noises publizierte, fällt auch das Zusammenspiel mit Peter Kowald. Das führte die beiden 1999 gemeinsam mit Xu Fengxia sogar nach Moskau, aber zeitigte zuvor diese Studiosession, bei der Harth sich multiinstrumental voll entfaltete, um Kowalds brummelnde, hummelnde Bassstriche zu umschwärmen. Dessen Spannweite, von knorrigem Sägen über federndes Plonken bis zu cellofeinem Wimmern, kommt er mit seinem Vollspektrum von Kontrabassklarinette über Alt- und Tenorsax bis zu Flöte mit offenen Armen entgegen. Mit einer dem Klangspektrum entsprechenden Gefühlsskala von klezmeresker Wehmut bis zu komischen Lauten, die er einer Trompete oder Maultrommel entlockt oder durch ein bloßes Mundstück furzelt, während Kowald fiedelt und flirrt, als wäre sein Kontrabass eine der Schwerkraft spottende Ballerina. Wie Harth da mit Saxophonspaltklängen und -trillern oder gepressten Trompetenschmierern Luftschlangen in schillernden Farben kalligraphiert, wie er mit Lockpfeifen Kobolde anlockt und sie mit Pfiffen zu dressieren versucht, wie er, vom Bass umjault, krimskramst und kinderbelustigend ulkt, lässt sich nur lächelnd quittieren. Kowald macht mit kehligem Geraune den Schamanen, er macht den Brummbären, vor dem das Saxophon erschaudert. Seinen Joggergroove umbläst Harth verboten arabesk, das nächste und übernächste Gerubbel untergräbt er im urigen Kontrabassregister, wobei er ab und an balzend aufheult. Er bleibt auch ganz tief unten, wenn Kowald die Saiten mit den Fingern bassig schnarren, wenig später aber auch wieder spitz schillern und stöhnen lässt. So down und out und katzenjammerbluesig klingt es aus. Einer wie ich, der gern im Dunkeln lacht, lächelt da erst recht. [BA 81 rbd]

MAN, OR MONKEY?



Die vor einem Jahr (BA76) angekündigten Wahlzettel sind eingetroffen, in Gestalt der 30th Anniversary Cassiber Box (ReR Megacorp, 6 x CD + DVD, ReR CBOX). Eins ist dabei sicher: Die Wahl ist nicht leichter geworden, nicht in den letzten 12 Monaten, nicht in den vergan- genen 30 Jahren. Welche Wahl? Die zwischen Gelächter und schmerzlicher Scham, um es mit Nietzsche zu sagen. Als Wahl-O-Mat liegen vor: Die von Christoph Anders, Chris Cutler, Heiner Goebbels und – bis 1984Alfred Harth eingespielten vier Studioalben Man, Or Monkey (1982), Beauty & The Beast (1984), Perfect Worlds (1986) und A Face We All Know (1990); als The Way It Was „Live Recordings and Studio Sketches 1985-92“; als Collaborations die Projekte Duck And Cover und Cassix; und auf Elvis Has Left The Building Konzertmitschnitte vom 18. Deutschen Jazz Festival, Frankfurt/M., Oktober 1982, aus Sao Paulo, Juli 1984, und in der Akademie der Künste der DDR 1989. Für BA war CASSIBER eine der
prägenden Erfahrungen der 80er Jahre. Die guten Gründe dafür sind hier nachhörbar: Als  – ich wiederhol mich da gern – stupende Mixtur aus Improvisation und Songs, aus Post- punk-Verve und Art-School-Knowhow. Der von Harth und Goebbels im Duo seit 1975 schon entwickelte Bach-Eisler/Brecht-Thrill, verstärkt in zugleich expressiver und neusachlicher Morphologie mit Cutlers Drumming und dem Krach und den theatralischen Deklamationen von Anders, einem der grandiosen Nicht-Sänger jener Jahre. Cutlers erregter Kampf-mit-Windmühlen-Stil, zuletzt durch die Art-Bears-Trilogie forciert, hatte sich kurz vor der Einspielung des Cassiber-Debuts (August 1982) auf der Tour mit The Work in Japan noch punkig verschärft. Seine unorthodoxen Army in banners-Märsche korrespondierten perfekt mit der Mobilmachung des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters (1976-81), das Harth & Goebbels im Geist von Charly Haden‘s Liberation Music Orchestra initiiert hatten als egalitäre Plattform für Sponti-Kreativität, kritisches Denken und das Ghostbusting von
Verblendungszusammenhängen. Ein weiterer Schleifstein für CASSIBERs Ästhetik war die von punkiger Simplizität und der Stimme von Anders bestimmte Gruppe, die Harth 1979 mit Uwe Schmitt (der mit Goebbels in der Jazzrockformation Rauhreif getrommelt hatte) und Nicole van den Plas (Harths Partnerin in E.M.T.) formiert hatte. Da, in Harths Projekt Es Herrscht Uhu Im Land (mit Anders, Goebbels, Rolf Riehm, 1980), in den beiden mittlerweile elektrifizierten 1981er Goebbels/Harth-Alben Bertolt Brecht: Zeit wird knapp (mit Dagmar Krause und dem Schauspieler Ernst Stötzner) und Der Durchdrungene Mensch / Indianer für Morgen, und in der Inszenierung der von Goebbels, Harth & Riehm komponierten Abrazzo Oper (mit dem Schauspieler Peter Franke) 1981 in Recklinghausen fügten sich die Bausteine für CASSIBER zusammen: Not only Punk & Jazz, but Dada & Free Music, also New Music & Literature (O-Ton Harth).
Modernistisches Montageprinzip und postmodernes Crossover setzten L. A. Fiedlers
Parole „Cross the border - close the gap“ in die Tat um. CASSIBER vereinnahmte Bach, Brecht, Eisler, Hölderlin, Jandl, Pynchon, Schönberg, Schwitters als ‘Volksvermögen’ zu Django und Trinità. Für ihre ‚Ästhetik des Widerstands‘ taugte griechische Mythologie ebenso wie ‚Sag mir wo die Blumen sind‘ und ‚At Last I Am Free‘. B. A. Zimmermann, Henry Cow und Sven-Ake Johanssons freigeistige Dorfmusik kreuzten sich als ‚vom gleichen Stamm‘. Die „Polyphonie der Mittel“ (Goebbels) und die Power der multiinstrumentalen, sich aus dem Lärm von Synthesizern, Tapes, E-Gitarre, wildem Gebläse und perkussiver Wühlarbeit ballenden Performanz machte, unter dem Damoklesschwert der Pershings, Kolonisation als Fluch, Ausbeutungsverhältnisse als Dauermalaise und Umweltverschmutzung als Menetekel hörbar. Anders‘ alarmierter, deklamatorischer Ton, ähnlich dem von Peter Hein bei Mittagspause und dem fast zeitgleichen von Sea Wanton bei Non Toxique Lost, ging unmittelbar unter die Schädeldecke. Goebbels musiktheatralisches Oeuvre von Verkommenes Ufer (1984) über Der Mann im Fahrstuhl (1987) und Römische Hunde (1991) bis Ou bien le débarquement désastreux (1993) etc. fußt auf diesen Fundamenten und insbesondere den ‚menschlichen‘ Stimmen.

CASSIBER kämpfte dabei nicht allein, Stormy Six aka Macchina Maccheronica in Italien, Etron Fou Leloublan in Frankreich, Aksak Maboul in Belgien, Alterations in England, Skeleton Crew aus New York bildeten ein Rhizom, das über den R.I.O.-Gedanken hinaus sich in Parallelaktionen verbündete, aber oft genug auch in konzertierten. Cutler mischte bei Aksak Maboul mit, Harth formierte nach dem Ausstieg bei Cassiber mit Steve Beresford von Alterations und Ferdinand Richard von Etron Fou Gestalt Et Jive. Zuvor jedoch vertieften Harth & Co. die 1980 gemachte Bekanntschaft mit Stormy Six 1983 im Portmanteau-Sextett CASSIX (Cutler, Goebbels, Harth + Franco Fabbri, Umberto Fiori, Pino Martini). Mit den sieben Stücken, die damals gemeinsam in Montepulciano fabriziert und 1986 auf Re Records Quarterly Volume 1 No. 3 präsentiert wurden, bringt Collaborations ein Wiederhören. Fioris Stimme gibt da einen folkrockigen, bei ‚Tempo Di Pace, Bari‘ durch Harths
einmal mehr herzensbrecherisches Saxophon auch ganz melancholischen Touch. Wildes
Grillengezirp hält dagegen, ebenso ‚The Stanislawsky Method‘ als reine Klangkollage mit Stimm-Sample. ‚Copy Machine‘ komprimiert die Stormy-Six-Essenzen auf 1:52, Fabbris Gitarre und das Pathos des Gesangs erstarren in ihrer Bewegung wie Berninis Apoll und Daphne. ‚Cripta‘ klingt wie ein Cassiber-Remix.
Mit DUCK AND COVER hatte Re Records Quarterly Volume 1 No. 2 schon 1985 ein weiteres Cassiber-Spin-off verewigt. Diese Supergroup, bestehend aus Cutler, Goebbels, Harth, Fred Frith & Tom Cora (Skeleton Crew), Dagmar Krause und dem Posaunisten George Lewis, der Mitte der 80er zwischen Braxton und Zorn ständig auch europäische Avantluft schnappte, entstand auf Anregung von Burkhard Hennen für das Moers Festival 1983.
Collaborations rekapituliert ihr am 16.2.1984 beim Festival des politischen Liedes in Ost-berlin dargebotenes ‚Berlin Programme‘, eine freie Suite aus Art-Bears-Songs und Indianer für Morgen-Stoff. ‚Kein Kriegsspielzeug für Jonathan‘ und ‚Dunkle Wolk‘ verraten noch den Kontext des Wettrüstens und des Widerstands dagegen. Dass Günther Anders (auf den Goebbels Bezug nahm) eine Effektivität des Protestes einforderte und Pete Seeger bis zuletzt an die Wirksamkeit engagierter Symboliken glaubte, erscheint gleichermaßen illusionär. Was nicht heißt, dass es nicht notwendig ist. „Rats and monkeys crowd the city as it crumbles into ruin“ konnte man 1984 als Prognose für dies und das hören. Aber „Walls are loosening – true, but gates are blocked“? ‘The Song of Investment Capital Overseas’ als zynische Globalisierungshymne, ‘Freedom’ als Neoliberalisierungslektion und Brechts
Emigranten-Blues ‘Und ich werde nicht mehr sehen’ sind inzwischen sogar noch wahrer
geworden. Wenn, laut Cutler, das Bemühen darin bestand, die Zwickmühle zwischen
Kräften der Ablenkung (distracting) und der Austrocknung (draining) aufzuzeigen, dann haben Duck And Cover und Cassiber das geleistet. Und mehr.

Um das legendäre Jahr 1984 herum verblassen Begriffe wie “Utopie”, am Horizont tau-
chen “das Ende der Geschichte” auf und Hyperrealitäten, auch Rhizome… die alternativen Spontiwärmepole der 70er gehen trotz immanentem Protestgeist und alledem in den 80ern eher baden, hinterlassen coolere Asche. Field recordings ziehen in die Musik des Duo Goebbels/Harth mit ein, Hightech & Elektronik breiten sich aus … Postmodernität & Cyber-world… von Adorno zu Baudrillard (O-Ton Harth). Harth präsentierte 1985 in Moers seine turntablistische Collage Anything Goes. Als für ihn mit CASSIBER schon nichts mehr ging, wenn auch nicht aus musikalischen Gründen. Und ich denke auch nicht, dass ihn die Lyrics von Cutler störten. ‚Dust and Ashes‘ (auf Perfect Worlds) kaute ja ebenso am neuen Zeitgeschmack wie ‚Die Reise nach Aschenfeld‘ auf dem letzten Goebbels-Harth-Studioalbum Frankfurt-Peking (1984). Das wurde mir damals so auch gesagt, dass ich leider zu spät gekommen sei, Camberwell Now wäre nur ein Schatten von This Heat, News From Babel nur ein Hauch von Henry Cow, die 80er nur die Nachglut der späten 70er. Für mich war aber alles neu und ich blieb für Jahre enthusiasmiert. Auch beim Wiederhören von CASSIBER live Ende 1988. Das Ende meiner Illusionen (nicht aller) brachten erst die 1990er.
Aber ‚Ach heile mich‘, ‚I Tried to Reach You‘, ‚A Screaming Comes Across The Sky’ und das „Wie ein Stück Vieh!“ aus dem ‚Prisoner Chorus’, behielt das nicht durchwegs seine Gültigkeit? Gegen den Verrat des Geistes an die neuen Medien, die neuen Märkte, gegen (aufgeklärten) Zynismus als Coolness und gegen Affirmation als höchster Form der Dissidenz. Deleuze, deleuzer, am deleuzesten. Statt oben oder unten, hüben oder drüben, nur noch Das hier. Alternativlos.
„Arriba!“ verhallte ungehört, um „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“ breitete sich Stille aus. Doch aus der Wüste des Realen tauchten immer wieder Gespenster auf (wobei Hauntology das Gegenteil von Retro meint): Archetypen wie Hamlets Vater, Medea, der Ewige Jude. Bei Arbeit, Broken.Heart.Collector, Ground Zero, Das Kapital, La STPO, Claudio Milano, 7k Oaks, Sleepytime Gorilla Museum, The Ex… fand ich Meme von CASSIBER wieder. Das ganz Spezifische daran offenbart sich bei Elvis Has Left The Building. Noch einmal zum besseren Verständnis: We met ... with the idea to improvise 'completed
pieces'. In other words, not to 'improvise' in the familiar, abstract, 'Free Jazz'/Darmstadt' mode, but rather to attempt spontaneously to produce already structured and arranged material. The double LP Man or Monkey was the result. And that could very well have been the end of it, except that the LP was so well received in Germany it led almost immediately to an invitation to perform at the 1982 Frankfurt Jazz Festival. We considered how to approach this, and decided in part to invent new pieces in real time, as we had in the studio, and in part to 'remember' and reproduce some of the pieces from the LP, without learning or rehearsing them. This became our general approach to concerts for the next three years, until Alfred left in 1986 (O-Ton Cutler). Dieses “spontaneously” und “in real time” vermittelt sich sinnfällig in Frankfurt und bei den folgenden Konzerten als Erregung, wie sie schon Goebbels bei seinem Cut-up von der Protestfront ‚Berlin Q-Damm 12.4.81‘ inszeniert hatte: „Ich schieße, ich mach keinen Spaß! Ey, haut mich hier raus!“ Angeheizt wurde das CASSIBER-Fieber von Beauty/Beast-Man/Monkey-Spannungen. Und von der
Courage, keine fertigen Stücke vorzuführen, sondern sie ‚from scratch‘ zu skizzieren, als Torsi, die erst im Kopf ganz Gestalt annehmen. Cutler fährt unter seinem leuchtenden ‚Heiligenschein‘ wirbelnd fast aus der Haut. Anders hämmert dazu auf Eisenbrocken und Blech wie die Einstürzenden Neubauten. Bei ‚Our Colorful Country‘ bläst Harth mit Piccolotrompete zum Angriff, bei ‚Don’t Blame Me‘ mit Posaune. Die Schärfe der Attacken hebt das Pathos auf in Nervenkitzel, die durch das Auge als totale Erinnerung zünden. Cutlers unorthodoxer Drive und Krawall sind so denkwürdig wie Harths ureigene Verschaltung von Feuer und Feeling. Sein Ausstieg war ähnlich gravierend wie der von David Jackson bei Van der Graaf Generator. Wobei ja beide Trios hörenswert blieben. CASSIBER jedenfalls vermittelt(e) mit "delirious frenetic energy" (Donal McGraith) eine "Dringlichkeit" (Karl Bruckmaier), dass man sofort auf die Straße stürmen möchte, um sich den Status quo nicht länger bieten zu lassen. Diese Musik gehört ganz einfach zum Überlebensset wie der Gegenstand, den man Schleifstein nennt.

Rigobert Dittmann, BA80

Dream On

Ich will nicht schließen, ohne an LINDSAY COOPER (1951-2013) zu erinnern. Sie war und sie bleibt die Anima der bad alchemystischen Alchemie. Ohne den Lockruf von Rags und The Golddiggers hätte ich den Eingang zum No Man's Land womöglich nie gefunden. Sie hat mir eines der ersten Interviews meines Lebens gegeben. Sie war die Ikone für den femininen und, mehr noch, den feministischen Aspekt des Rock in Opposition. Sie hat mir mit ihrer Music for Other Occasions und mit Oh Moscow, mit Sally Potter und als Pedestrian mit David Thomas denkwürdige Konzerterlebnisse geschenkt. Wenn ich Henry Cow höre, denke ich an Lindsay. Western Culture - Lindsay Cooper hat sie verkörpert. 'A Young Lady's Vision' - sie hatte sie. 'Celeste's Dream' (auf The Gold Diggers) hat sie komponiert. Catherine Jauniaux' 'Dream' (auf Fluvial), das war ihr Ton. Sie stand mit Patin, als Bad Alchemy getauft wurde. Wenn ich an News From Babel denke, denke ich an Lindsay. Wenn ich an Mike Westbrook denke, denke ich an Lindsay. Wenn ich an Maarten Altena denke, denke ich an Lindsay. Wenn ich an das Trio Trabant A Roma denke, denke ich an Lindsay. Wenn ich von Sophistication rede, meine ich Lindsay. Wenn ich mir engagierte Musik wünsche, denke ich an Lindsays Statements gegen Ausbeutung (Rags), die kalte Spaltung Europas (Oh Moscow), den Golfkrieg (Sahara Dust). Wenn ich ein Fagott höre, denke ich an Lindsay. Lange dachte ich sogar, dass, wenn etwas so Sperriges und Komisches so cool klingen kann, alles möglich wäre. Sogar eine bessere Welt. Wenn ich heute Silke Eberhard sehe oder höre, Ingrid Laubrock, Susanna Gartmayer oder auch Ava Mendoza, erinnern sie mich an Lindsay Cooper. So ist sie mir unvergesslich gegenwärtig. 

Rigobert Dittmann in BA79

ALFRED 23 HARTH As Yves Drew A Line. Estate (Re-Records, RE-CD-008R)


Über die Linie? Welche Linie? Harths neueste Kreation erreicht mich aus Hongkong als ein ästhetischer Irrwisch, dessen Sound'n'Shape-Shifting ich jetzt einfach mal unter NOW festhalte. In der perspektivischen Verlängerung seiner Mother-Of-Pearl-Series gibt diese Assemblage aus Cut-Ups, Schichtungen und beständigem Morphing, die sich im Titel zu Pop Art und Konzeptkunst bekennt, einen Eindruck davon, was im Kopf mit der Nummer 23, der von sechs Dekaden Brainstorming überquillt, haust und west. Hauptingredienz dieses Daydreamscapes, dieses Streams of Consciousness, der einen durch das Innere von Tonclustern driften lässt wie durch ein Harthsches Spiegelkabinett, einen Palast der Winde, wobei das innere Auge durch Capitaine Nemos Bullauge schweift oder auf ein Gärtchen hinter dem Haus, sind, neben Piano, geblasene Klänge, von Bassklarinette, Tenorsax, Trompete, aber auch exotischeren Trötern. 'Universal City. Steps' ist als Einstieg in dieses autobio- und psychogeografische Dérive eine Rutschbahn, ein Loch ähnlich dem, in das Alice dem weißen Kaninchen hinterherstürzte. Nur dass man hier durch ein enges Metallrohr purzelt, wie von einem brobdingnagschen John Butcher geblasen. Die Klänge sind außer durch extreme Spieltechniken gepresst und angeschrägt ständig auch durch elektronische Modulation und Vervielfältigung in brodelnder und zuckender Veränderung begriffen. Als ein rauschender, zischender, brennender Schilfwald aus Zungen, ein Buch mit raschelnden Seiten, ein Maschinenraum, ein Strahlen brechender und jede Linearität verzweigender Ikosaeder, ein verschachtelter perecscher Lebensraum der Phantasie. Alles gibt es nur gleichzeitig in einem Kopf in einem Ledersessel in einer Laubhütte in Seoul mit Blick auf den Monsunregen. Jede Erinnerung ein Fenstersturz, ein rückwärts gespultes Tonband. Spurenelemente von 7k Oaks und des Trompeters Choi Sun Bae huschen vorüber in Harths Pluriversum, das aber durchaus in einem ständigen Vorwärts begriffen ist, Schritt für Schritt, über die Linie, unbeirrbar. Mit, nach zwischendurch immer wieder schon auch melodischen Fetzen, dem hymnischen Chorus 'Golden Mean. Unswerving' als goldenem Horizont. 

[BA 78 rbd]